
Untergetaucht
(Leseprobe)
Wenn wir Besuch haben, versuchen wir, Faith einzubeziehen. Das heißt, er befindet sich mit uns im Wohnzimmer, um ihm Kontakt mit anderen Menschen in unserem Land zu ermöglichen. Dabei ist es unvermeidlich, dass unsere Gäste ihn ansprechen und dabei die Fragen stellen, die alle interessieren. Woher kommst du, weswegen bist du weggegangen; was willst du tun. Schon der Gedanke, seine Geschichte zum hundertsten Mal wiederholen zu müssen, verursacht ihm Magenschmerzen. Er will nicht mehr darüber nachdenken müssen. Nur all zu oft musste er feststellen, dass er niemanden wirklich von der Notwendigkeit seiner Flucht überzeugen kann. Und dann ist seine Vergangenheit für ihn zu schmerzvoll. Er hält es für besser, nicht darüber noch einmal reden zu müssen. Damit blockt er aber jedes weitere Gespräch ab. Er sitzt in sich zurückgezogen teilnahmslos da und wartet bis ihm "erlaubt" wird, sich in sein Zimmer zu verkriechen.
Uns ist dieses nicht gesellschaftsfähige Verhalten peinlich. Wir sprechen ihn darauf an, weil wir ihm helfen wollen, sich freier in diesem Land bewegen zu lernen.
Abgesehen davon, dass ihm die meist gestellte Frage zuwider ist und das auch vermieden werden kann, war er sehr verwundert, was er falsch mache.
"In Nigeria kann man sich für einige Zeit bei Leuten Unterkunft erbitten, bis die eigenen Geschäfte erledigt sind. Dann ist es Sitte, dass man sich einfach in den letzten Winkel zurückzieht und dort hockt, um den Gastgeber in keiner Weise zu stören, bis man wieder fortgeht."
Afrikanische Höflichkeit ist es, die uns unangepasst erschien. Für ihn ist der letze Winkel sein Zimmer gewesen. Wir betrachten es als unhöflich, ihn in seinem Zimmer versauern zu lassen. Der Unterschied zu seinem Denken ist, dass das Fortgehen auf sich warten lässt. Nein, er will nicht unhöflich sein. Wir beschließen zusammen, ihn in westliche Geselligkeit einzuführen, und dass er beim nächsten Besuch, den wir haben werden, wenigstens eine Frage an den Besucher stellen wird. Damit soll er zeigen, dass er an der Unterhaltung teilnehmen möchte. Er hält sich auch genau daran. Er stellt eine Frage, und keine weitere mehr. Faith tut alles, um gefällig zu sein. Aber den Sinn dahinter scheint er noch nicht zu begreifen.
Unser Zusammenleben mit Faith wird immer mehr zum zentralen Punkt unseres Lebens und damit auch dem unserer Freunde. Faith hat keinen Ausweis und in den diversen Bescheiden steht ein falsches Geburtsdatum. Gemeinsam kommen wir zu dem Schluss, dass der Weg in die Freiheit für Faith nur über die Herstellung seiner Identität geht. Wir müssen einen Ausweis bekommen, mit dem sich Faith auch identifizieren kann. Aber wie sollen wir dies anstellen?