Indien

Indien  6. – 24. November 2008

Eine Reise auf den indischen Subkontinent wollte ich mir nicht entgehen lassen, zumal sie von amerikanischen Freunden speziell zusammengestellt wurde. Unsicher wurde ich, als meine Frau nicht mit wollte, aber mit einiger Überredung begann ich mit meinen Reisevorbereitungen.

Die 25 Reiseteilnehmer kamen aus aller Welt und der Treffpunkt war Mumbai. Schon während des Flugs bekam ich eine Kostprobe, einen Bollywood-Film zum Eingewöhnen, aber es war ein Zerrbild einer indischen Gesellschaft, die zwischen Traditionen und Sex and Crime schwimmt.

Nach Mitternacht kam ich in Mumbai an. Es war schwül, nebelig und es roch nicht gerade aufregend. Die Ankunftshalle war nüchterne Sachlichkeit. Ich hörte einen Aufruf für mich, der aber im Stimmengewirr unterging, einen Informationsschalter fand ich nicht. Vor dem Flughafen stand eine riesige Menschenmenge, die auf Ankommende wartete.
Ich sah jemanden mit meinen Namen auf einem Schild und verließ das Flughafengebäude durch einen Kordon von Sicherheitsbeamten und begab mich ins Freie. Eine Lärmwolke umfing mich, laute Stimmen, Hupen und Geschrei hüllten mich ein. Mein Abholer geleitete mich über eine Baustelle zum Parkplatz. Er blieb zurück, ein Taxifahrer brachte mich zum Hotel. Über eine sechsspurige Straße ging es in die Stadt. Mein erster Eindruck von Indien waren die endlosen Slums, durch die wir ins Stadtzentrum fuhren. Links und rechts von der Straße standen Zelte aus Decken und Menschen schliefen darin. Mit 90 Sachen ging es dahin, an Geschwindigkeits-beschränkungen mit 50 vorbei. Ich fragte den Fahrer, ob die Meilen wären, nein, sagte er, Kilometer und die Polizei sei sehr streng und stieg weiter aufs Gas.

Mumbai ist eine Mischung aus britisch viktorianischen Bauwerken, die heute gerne den Touristen gezeigt werden und einem Konglomerat aus Sportplätzen, ummauerten Villen und Wohnblöcken, wie sie bei uns in den 50er Jahren nicht mehr gebaut wurden. Auf den Straßen lärmte der Verkehr, Taxis Busse, Lastwägen und Motorräder als Familientransport, dazwischen Motorrikschas, Fahrräder, Lastenträger und Menschen, die einen überladenen Karren durch das Gewirr schleppten.

Das Taj Mahal Hotel steht beim Gate of India, dem ehemaligen Hafen. Das Hotel ist aus Marmor erbaut und wurde als Protest gegen die englische Kolonialherrn von einem reichen Inder gebaut, der vor 80 Jahren aus dem englischen Grandhotel hinausgeworfen wurde. Jenes Hotel ist heute eine Ruine, das Taj Hotel stand in seiner ganzen Schönheit noch da, bis es drei Wochen nach meinem Besuch Ziel eines Terroranschlags wurde. Wasservorhänge beim Eingang, Swimmingpool in einer Stadtoase und eine Marmortreppe zu den einzelnen Stockwerken. Ich war von der Ästhetik des Bauwerks beeindruckt, gleichzeitig befiehl mich ein Unbehagen ob diesen Reichtums, der in einem so krassen Gegensatz stand, zu dem was sich außerhalb der Hoteltüren abspielte. Ich konnte in dieser Umgebung nicht mit ruhigem Gewissen einen Tee trinken, ich gehörte auch nicht dorthin.       

    

  

 Draußen beim klotzigen Gate of India sprang uns die Armut in den zahllosen Straßenhändlern an.
Die Inder betteln nicht, das ist den Heiligen und Mönchen vorbehalten. Der Inder will mit einer Gegenleistung sein Geld verdienen. Aber da beginnt schon der Kampf mit seinen Mitbewerbern. Es herrschte ein enormer Verkaufsdruck, den ich als potentieller Käufer erfuhr. Lautstark wurde ich zu einem Kauf genötigt. Mein Zögern reduzierte automatisch den Kaufpreis für eine Ware, die ich nicht wollte. Ein Feilschen über den Preis schien gar nicht nötig zu sein. Das Traurige daran war, dass mit dieser Verkaufsmethode mir es unmöglich gemacht wurde, aus dem Angebot in Ruhe zu wählen. Eine Ware anzugreifen, zu betrachten galt bereits als Kaufabsicht, aus der heraus man nur mehr durch ein abruptes Weggehen, was für mich unhöflich ist, entfliehen konnte. Da ich diesen Rückzug kaum vermag, wechselte, was immer es war, den Besitzer zu einem scheinbaren lächerlichen Preis. Scheinbar, denn hinterher, bei näherer Betrachtung stellte sich dann oft heraus, weshalb sie so günstig war.

Oft wurden von gut gekleideten Herren, scheinbar Passanten, Empfehlungen ausgesprochen, einen exquisiten Laden zu besuchen. Diese freundliche Vermittlung wurde als Dienstleistung angesehen, für die eine Bezahlung erwartet wurde.

Es gab aber auch seriöse Geschäfte, die herrliche Stoffe anboten, wie die Seidenweberei Bressler Silkhouse in Varanasi, wo ein Weber die Fäden mit der Hand zog und eindrucksvoll das Muster nach einem Bild anfertigte. Diese Webereien sind Heimindustrie. Oben im Schauraum türmten sich die Stoffballen in prächtigen Farben. Während die Frauen gustierten, bekamen die Männer ein Bier um die Wartezeit zu überbrücken.
Ich fand eine bedrucktes Tischtuch bei Rajasthali Textiles in Jaipur. Als der Verkäufer erfuhr, dass es sich um einen runden Tisch handelte, hatte er im Nu das Tuch rund zugeschnitten, neu gesäumt und aus dem Stoffresten vier Sets Servietten angefertigt. Natürlich wurde man auch dort zum Kauf gedrängt, aber in einer auch für Europäer erträglichen Art.

Jaipur ist die rosarote Stadt. Schon der Flughafen war rosa, der Palast der Winde, der Palast des Maharadschas ist aus rosa Sandstein, andere Gebäude waren rosa gestrichen.
Die Hauptattraktion ist jedoch die Burg Amber außerhalb der Stadt. Es gibt keinen anderen Weg zum Fort, außer auf Elefantenrücken. Die schier endlose Touristenschlange wurde von den Straßenverkäufern belagert. Jeder Elefant schleppt sich, den Mahout und noch vier Touristen die steile Straße hinauf. Mein Elefant zeigte Ermüdungserscheinungen und der Elefantentreiber schlug auf das Tier ein, erklärte aber, dass demnächst Pause gehalten würde. Ein geduldiges Tier, dachte ich, als ich seinen Rüssel tätschelte und er mir einen feuchten Kuss zu blies. „Hoffentlich darfst du jetzt Pause machen!“

Unser Führer erklärte mit theatralischen Gesten die Gebäude und deren Geschichte. Wir wurden durch die diversen Paläste geschleust, der Sommer-, der Winter- und der Monsunpalast, der Spiegel-Palast, dessen Wand und Deckenornamente mit Glasstückchen dekoriert sind, die aber alle etwas uneben eingemauert sind, weshalb sie in alle Richtungen glitzerten. Wir eilten den Maharadschagang entlang an den zahlreichen Frauengemächern vorbei. Die Burg wurde im 1592 von Raja Man Sigh. gebaut mit Baderäume, einer Wasserklimaanlage und ausgeklügelte Lüftungssysteme, wie man sie bei ähnlichen Bauten aus dieser Zeit bei uns nicht kennt.

        
 

Die größte Kamelmesse ist in Pushkar in Rajasthan. Ich stellte mir diese wie einen amerikanischen Rindermarkt vor, aber nicht so in Indien. Schon auf der Autobahn begegneten uns riesige Kamelherden, die von den neuen Besitzern nach Hause getrieben wurden.

Das Messegelände befand sich in der Wüste Thar. Es war ein Volksfest, gleichzeitig ein Wallfahrtsort, da in Pushkar der einzige Brahmatempel in Indien steht. Überall waren primitive Zelte aufgebaut, in dem Familien mit Kleintier hausten. Es gab Kamele, Pferde und Rinder zu kaufen. Wir waren von Verkäufern umringt, nicht für Kamele, sondern T-Shirts, Postkarten und handgemachte Schmuckgegenstände. Die Kinder berührten uns und riefen „Mister, und deuteten dass sie etwas zu essen haben wollen, eben Geld. Ich entschloss mich letztlich doch ein Kamel zu besteigen, da ich von oben besser photographieren konnte, ohne auf meine Taschen achten zu müssen. Wir ritten durch das Lager, dem Verkaufsplatz der Kamele und Pferde. Da gab es immer wieder Vorführungen, bei denen die Tiere zeigen mussten, was sie wert waren. Ein gutes Kamel erzielte einen Preis von 500 Dollar.

       

Auch wurden getrocknete Kuhfladen in Haufen gestapelt und bündelweise Zuckerrohr zum Verkauf angeboten. Der Ritt auf dem Wüstenschiff war nicht besonders bequem. Aber die Prozedur des Aufstehens und Niederkniens sollte man ausprobieren, dabei muss man gut aufpassen in welche Richtung man sich lehnen muss, um nicht rücklings oder kopfüber abgeworfen zu werden.

    

Abends im Zelthotel wurde uns ein Puppentheater vorgeführt. Die Marionetten waren einfache, aber schön bekleidete Figuren, die mit vier Fäden geführt wurden. Die Bewegungen waren sehr hektisch, die Drehbewegungen erratisch. Eine Szene zeigte einen Schlangenbeschwörer, dem die Schlange davon kroch. Dann wurde eine Kamasutraszene dargestellt. Die Spieler betonten den Hauptdarsteller mit Basoongeräusche, während die Frau, die das Kamasutra über sich ergehen lassen musste, wie ein Schwein quiekte. Auf meine Frage, ob dies das übliche Theater darstelle, meinte der Puppenspieler, dass diese Vorführung eben für Touristen gewesen sei. Das ist wohl das Image, das wir aus dem Westen haben.

Am Weg nach Agra machten im Vogelpark Bharatpur Halt. Wir ließen uns in Rikschas zu den Vogelkolonien bringen. Eine Unmenge an Kormorane, roten Störchen und Löffelreiher nisteten an den Seeufern gemeinsam in den Bäumen. Ihre lärmigen Rufe erfüllten den Park. Die Roten Störche verlieren im Erwachsenenalter die Stimme. Vogelfreunde sollten sich Zeit für einen Morgen- und Abendbesuch nehmen.

In Agra mussten wir zwei Häuserblöcke vor den Taj Mahal in einen Elektrobus umsteigen. Diese Maßnahme sollte das Fahrzeugchaos um den Taj und die damit verbundene Luftverschmutzung verringern. Naja, der Bannkreis war gerade ein Kilometer groß, ob es etwas half? Nach der Sicherheitskontrolle am Eingang begann der Führer sehr ausführlich mit seinen Erklärungen um schließlich festzustellen, dass er aus Zeitmangel nicht alles in Detail sehen konnte. Die Moschee war ohnehin nicht besuchen, aber das Gästehaus sei ja spiegelbildlich gebaut. Da die Springbrunnen in Aktion waren, konnten wir das berühmte Spiegelbild von Taj Mahal nicht im Wasser sehen. Im Park liefen die Streifenhörnchen. Der weiße Marmor blendete in der Sonne. Das Oktagon ist ganz symmetrisch gebaut, nur die Inschrift aus dem Koran um die riesigen Torbögen war jeweils eine andere Sure. Die Menschen wirkten zwergenhaft vor diesem Gebäude. Drinnen in der Kuppelhalle sind zwei Sarkophage aufgestellt, jener von Mumtaz ist um 5 cm niedriger als der von Sharjahan, sie liegen aber genau in der Symmetrie des ganzen Gebäudes und der Anlage. Das Marmorgitter ist ornamental ausgeschnitten, dennoch wirkte der ganze Raum düster. Die eigentliche Grabstätte ist darunter und nicht begehbar. Der Marmor soll extra hart sein, weshalb er die vielen Jahre auch gut überstanden hatte. In den Platten wurden Reliefe in floralem Muster herausgeschnitten. Die Hallen um den Sargraum sind eher schmucklos. Der Taj wirkt von außen, das formvollendete Gebilde graziös in seiner Wuchtigkeit und perfekt fürs Auge anzusehen, dazu kommen noch die vier Minarette, die angeblich ca. 40 cm nach außen lehnen, vom Erbauer erdacht, falls sie jemals einstürzen sollen, dass sie nicht auf das Kuppelgebäude fallen und es beschädigen könnten. Das Ganze ist in einem Garten mit Springbrunnen und Blumen eingebettet, ganz so wie im Koran das Paradies dargestellt wird.

Mit Bahn fuhren wir nach Jhansi. Das Chaos fand am Bahnhof statt, im Zug war alles wieder geordnet, wir bekamen sogar ein Frühstück serviert. Ein Bus brachte uns nach Khajuraho. Die Straßen sind schmal und es gab viel Verkehr. Die Landschaft bestand abwechselnd aus grünen Feldern und Savanne. Die Ortschaft Orchha fiel auf, da überall Tempel standen und sie auch eine alte Burg besitzt. Während die Reisegesellschaft in einem Hotel das Mittagessen einnahm, wanderte ich in den Ort. Dieser war sauber, die Häuser waren bemalt und die Leute freundlich. Es gab einen Markt, umgeben von Tempeln und Burgtoren. Am Weg sprach mich ein Lehrer an, der gerade mit seiner Schulklasse vorbei wanderte. Wir wechselten die üblichen Fragen des Woher und Wohin, er konnte mit Austria wenig anfangen, hätte nie davon gehört, Europa ja.

Ich dachte die Tempel von Khajuraho. wären im Dschungel, dabei sind sie inmitten einer gepflegten Parklandschaft zu finden. Fünf große und mehrere kleine Tempel waren vor mehr als 1000 Jahren hier gebaut worden und in der Umgebung bis Orchha waren es über 70. Da im Laufe der Jahrhunderte der Urwald sie überwucherte, blieben sie von den Muslimen und Portugiesen unentdeckt. Erst vor einigen Jahrzehnten entdeckte sie ein Forscher. Der Stil ist Hindu und im Allgemeinen gleichen die Ornamente auf jedem Tempel. In gehauenem Sandstein sind Legenden und Lehren der Hindu-Religion dargestellt, die vier Lebensphasen eines Hindus im Bestreben das Nirvana zu erreichen. Das beginnt mit der Darstellung von Brahma, Shiva und Vishnu , Szenen aus dem höfischen Leben, Kampfszenen und die erotischen Darstellungen des Kamasutra, auf welches das Hauptaugenmerk der Touristen gelenkt wurde und wie der Führer beiläufig erwähnte, nichts Neues seit tausenden Jahren darstellen.

Die Fahrt zu Bandavgarh National Park dauerte lang. Die Straße war einfach katastrophal, sie hatte zwei Fahrbahnen, aber nur eine war asphaltiert. Der Verkehr auf der Straße war sagenhaft. Jener Fahrer, der die besseren Nerven hatte, konnte auf dem Asphalt bleiben. Es war ein Nervenkitzel durch die Windschutzscheibe zu zuschauen. Einmal sahen wir wie Frauen händisch die Straßenbefestigung aussortieren, Scheibtruhen gibt es keine in Indien, mit Tüchern wurde die Erde wegtransportiert.

Wir kamen durch viele Dörfer, die gegen Nachmittag immer mehr belebt wurden. Die Häuser haben einen betonierten Vorgarten, der sauber gekehrt und oft weiß gekalkt war. Die Häuser waren meist blau gestrichen. Im Zentrum der Ortschaften fand das Geschäftsleben statt. An vielen Standeln an der Straße wurde Obst, Gemüse, Zigaretten verkauft, dabei saßen sie am Boden mitten in der Ware. 

 

Die Handwerker waren in Gruppen zusammengefasst, ihre Werkstätten sahen aus wie Garagen 3 x 4 Meter groß, das meiste spielte sich aber davor ab. Dort saßen Schuster, Schneider, Schweißer, Mechaniker und arbeiteten auf der Straße.
Falls Markttag war, verdreifachte sich das Gewimmel an Menschen. Manchmal war es schwierig mit dem Bus durchzukommen. Was in den Dörfern noch romantisch erschien, wurde in den Städten hässlich, da zeigte die Armut ihre schwärzeste Seite.

Am Rande der Dörfer befanden sind größere Bauernhäuser, die ihre Getreidemandeln aufgestellt hatten und Rindern im Kreis darüber laufen ließen, um das Getreide aufzutreten. Dann wurde das Stroh in die Luft geworfen und der Wind trieb die Spreu weg. Die Tierställe waren Hütten aus Bambus geflochten und mit Kuhfladen gedeckt. Sie sind mehr als Schattenspender gedacht als Zuflucht vor dem Monsunregen. Die Wasserlöcher sind mit Ziegel ausgelegt,

In der Ebene der Flüsse weideten Rinder und Ziegenherden. An den Flüssen wuschen Frauen die Wäsche, Kinder und Wasserbüffel badeten. Dann sah man wieder Leute, die mit der Lhotta ins Feld gingen, einen Platz für ihre Notdurft zu suchen. Später wurde die Savanne von durchgehendem Buschwerk abgelöst. Mit der untergehenden Sonne wurde es dunstig, um sechs Uhr war es finster. Im Dunkeln wurde die Busfahrt noch mehr zur Nervensache, dazu kam noch der rücksichtslose Gebrauch des Fernlichts.

Der Bandhavgarh National .Park ist für seine Tigerpopulation bekannt ist. Zeitig in der Früh fuhren wir mit einem Jeep zum Parkeingang, wo die Zuteilung der Parkführer mit großer Aufregung erfolgte. Über den Wiesen schwebte Nebel, der Fahrtwind war kühl. Der Park ist sehr groß und teilweise gebirgig. Über einer Felswand sahen wir mit dem Fernglas Geier in der Morgensonne fliegen, während wir uns noch im Schatten befanden. In der Wand sahen wir die Geiernester, die allerdings leicht auffindbar waren, da die Felsen darunter weiß gefärbt sind.

      

Die Wälder sind ein Dickicht aus Bambus, Sal-Bäumen und Teak, Krokodilhaut-Bäume und Ghosttrees, deren Rinde ganz hell ist, riesige Mahudbäume, die als heilig gelten, sowie Ficus und Schlingwein, der die wildesten Formen verbiegt. Wir fuhren in Konvoi und wir sahen sehr viele Rehe, Bison, Kojoten und wilde Pfaue, aber keine Tiger. Wir mussten uns in Geduld üben, Tiger bewegen sich über große Streckens, man muss ihnen schon zufällig begegnen. 

Wir wechselten zum Kanha Park um nach Tiger zu suchen. Die Nachricht erreichte uns, dass Tiger gesichtet wurden, allerdings konnten sie im Dickicht nur auf Elefanten beobachtet werden. Die Elefanten trugen jeweils vier Touristen auf schmalen Wegen in den Urwald. Die vor uns hatten den Tiger schlafend oder fressend im Bambusdickicht gesehen. Jetzt hatte er genug von dem erlegten Bison gefressen und war auf dem Weg zum Fluss. Unser Mahout lenkte den Elefanten auch zum Wasser und dort konnten wir das Tigerpaar beobachten.

Sie lag schon längere Zeit im Gras, Er kam gemächlich aus dem Wald und pfauchte sie kurz mal an, bevor er weiter zum Wasser ging. Wir hatten einen Superausblick vom Elefanten, waren dem Tiger nahe und doch in Sicherheit. Knapp fünf Minuten konnten wir das Schauspiel erleben, dann lenkte der Treiber den Elefanten wieder aus dem Dickicht.

 In der Abendsonne erspähte unser Führer einen braunen Fleck im Wasser ca. 200 Meter weit weg. Es war eine Tigerin. Mit dem Fernglas konnten wir sie gut beobachten, wie sie im Wasser lag und sich offensichtlich abkühlte. Gute 20 Minuten verbrachten wir dort, das Fernglas abwechselnd herumreichend, bis sie aus dem Wasser stieg und im hohen Gras verschwand. Wir fuhren zur Lodge, ganz erregt über das Glück das wir hatten, da entdeckte unser Guide noch einen Ameisenbären. Eher eine Seltenheit, da diese nachtaktiv sind.

Wieder mussten wir um 5 Uhr aufstehen, um in den Park zu fahren. Diesmal war Kevin der Vogelexperte in unserm Jeep. Die Morgennebelschwaden waren dichter denn je, eine eigenartige Stimmung, aber die Luft war voller Vogelstimmen. Kevin nannte immer wieder einen Vogelnamen und wir schauten uns die Augen aus, um ihn zu finden. Im Teich neben uns badeten Barasingakühe. Barasinga sind fast ausgestorben. Hier im Park werden sie gezüchtet.

     

Da hörten wir den Alarmruf eines Barasinga, gefolgt von dem Lärm der Hanuman Languren. Wir fuhren mit dem Jeep, einem Marati in die Nähe des gehörten Rufs. Tatsächlich vernahmen wir Geräusche im Dickicht, die von einem Tiger kommen konnten. Aber wir bekamen ihn nicht zu Gesicht. Wir mussten uns mit den Languren, Schlankaffen der Meerkatzenfamilie, die um uns ihr Unwesen trieben, vorlieb nehmen.

Mit dem Nachtzug ging es nach Delhi. Die Slums entlang der Gleise waren die ersten Boten der Hauptstadt. Delhi ist zigmal gegründet worden und besteht aus verschiedenen alten Bezirken. New-Delhi ist großzügig gebaut worden, mit pompösen Verwaltungsbauten an sechsspurigen Straßen. Unweit davon versteckten sich Botschaftsgebäude und Villen der Bonzen hinter hohen Mauern. Der Rest war eine Mischung aus hohen Hotel- und Bürobauten und desolaten Zweckbauten. Der Weg zum Internet-Cafe führte unweigerlich in die schmutzigen Hinterhöfe. Dennoch fühlte ich mich in Delhi nie bedroht.

Wir besuchten die Masjid Moschee, die aus einem großen Hof besteht, in dem sich angeblich 10000 Gläubige zum Gebet versammeln können, womit sie den Anspruch auf die Größte in Indien erhebt.
Beim Eingang konnten wir unsere Schuhe deponieren und die, die keine Socken mithatten, durften ein Paar gestreifte Kunststoffsocken kaufen. Das Gebäude mit der Kuppel war eigentlich nur eine Wandelhalle, umgeben von den vier Minaretten. Der Ausblick oben war durch den Dunst der Stadt beeinträchtigt, das Rote Fort gegenüber der Moschee war kaum erkennbar. Dafür konnte man schön auf die Häuser der Stadt und deren Bewohner schauen. Old Delhi ist ein Konglomerat von aufeinander gestellten Schachteln. Dazwischen standen ehemalige Kolonialbauten mit schön verzierten Balkonen, alles etwas heruntergekommen.

Das älteste Minarett aus dem 12 Jahrhundert, den Qutub Minar konnten nicht besuchen, weil gerade der türkische Ministerpräsident seinen Besuch abstattete. Wir fuhren weiter zum Bahai Lotustempel. Bahai ist eine non-Religion, hat alle gemeinsamen Religionsideale zusammengefasst und den Tempel zum allgemeinen Gebet bereitgestellt. Der Erbauer ist ein Kanadier und das Gebäude ist sehr harmonisch gestaltet. Die Leute sind Volontäre und waren sehr zuvorkommend.

Unsere letzte Station war in Varanasi, die heilige Stadt am Ganges. Wir mussten um 5 Uhr früh aufstehen, da wir zu den Ghats fuhren. Trotz der Frühe waren die Straßen voll belebt. Der Autolärm war gewaltig, wir stiegen durch enge Gassen zum Fluss hinunter, wo bereits die Boote auf uns warteten. Wir begannen die Bootsfahrt mit einem Gebet, dann bekamen wir Kerzenschiffchen, die auf das Wasser gestellt werden. An den Ghats fanden die rituellen Waschungen statt, flussaufwärts wurden die Leichen verbrannt, flussabwärts wurde die Wäsche gewaschen. Auf einer Mauer saßen 6 Männer und lachten aus vollen Kehlen heraus,

    

um den Tag fröhlich zu empfangen. Dann ging die Sonne auf und tauchte den Fluss und die Stufen in ein stimmungsvolles Rot.

In der Ferne brannten die Feuer und Leichen waren in Silberpapier gewickelt, um auf die Verbrennung zu warten. Manche Menschen kommen von weit her, um hier auf ihren Tod zu warten. Es ist für Hindus wichtig, sich am Ganges verbrennen zu lassen und das kostet auch eine schöne Stange Geld, besonders wenn Sandelholz zur Feuerung verwendet wird. Bei der Verbrennungsstelle gingen wir an Land und wanderten durch die engen Gassen der Altstadt an Kühen und Heiligen vorbei. Handwerker bereiteten sich für den Arbeitstag vor, die Bäckereien hatten die Öfen geheizt. Barbierläden wurden aufgesperrt und gelangweilte Polizisten bewachten Hinduheiligtümer vor Übergriffen, angeblich von den Moslems.

Wir stiegen in Rikschas um. Für zwei Westerner waren die Sitze zu eng und wir wurden von einem schmächtigen Fahrer durch das Stadtgewühl gefahren. Der Arme plagte sich redlich unser Gewicht im Rollen zu halten, klingelte ununterbrochen, wich Autos und Fußgängern und Schlaglöchern aus, um nur nicht stehen bleiben zu müssen. Die Fahrt war für alle Beteiligten eine Tortour, ich empfand uns als Zumutung. Auffallend war, dass die Rikschafahrer sehr dunkelhäutig waren, was auf die unterste Kaste deutete.

Auch die Abendzeremonie am Ganges war ein Erlebnis. Die Priester brachten Räucheropfer, dazu wurde eine immer sich wiederholende Melodie gesungen und gleichzeitig Glocken geläutet. Menschen nahmen entweder am Gatt sitzend teil, oder beobachteten wie wir die Zeremonie vom Boot aus. Die Stimmung bei und nach dem Sonnenuntergang war schon beeindruckend.

Am letzten Tag besuchten wir die Buddha Smile School in Sarnath einem Vorort von Varanasi. Das indische Ehepaar, das diese Schule leitet, ermöglicht Kinder der Unberührbaren, eine Kaste, die es offiziell nicht mehr gibt, in Realität aber nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft ist, den Schulbesuch. Diese Schule wird von kalifornischen Unterstützergruppen, zu denen auch einige unserer Reiseteilnehmer gehören, unterstützt. Wir wurden freundlich empfangen und uns wurde der Schulbetrieb gezeigt. Unvorstellbar unter welchen Umständen hier Kinder unterrichtet werden. In garagenähnlichen Räumen, auf einer Seite offen, sitzen ca. 25 Kinder nach Alter bzw Können eingeteilt. Auf einer Tafel war der Unterrichtsgegenstand aufgeschrieben: Englisch 1, 2, Sachkunde, Geographie und Mathematik. Die 13-jährige Daisy war unsere Übersetzerin, voller Selbstbewusstsein und konnte fast alle Fragen beantworten. Da war ihre Mutter und die Leiterin der Schule etwas ruhiger, ebenso ihre kleinere Schwester. Eine Abordnung von Schulabgängern berichtete über ihren „Studienfortgang“. Sie waren kaum 15 Jahre alt. Ich wollte mit ihnen sprechen, aber wurde nicht verstanden, Daisy musste übersetzen.

Es war bereits dunkel als wir zurück zum Hotel kamen. Im Hotelpark wurde Hochzeit gefeiert, denn die Zeit war günstig, der Mond und die Konstellation der Sterne versprach eine gute Ehe. Der Bräutigam kam mit einem gemieteten großen Auto, und wandelte mit dem Männergefolge durch den geschmückten Eingang zu einem vorbereiteten Teppich. Dabei spielte eine Kapelle laute Blasmusik und Träger schleppten Batterien und Leuchtstofflampen um den Festzug zu

     

erhellen. Feuerwerkskörper wurden in der Menge gezündet. Anschließend versammelten sich die Männer, um den Bräutigam und seine Eltern, um vermutlich nochmals den Brautpreis fest zu legen. Der sehr junge Bräutigam hatte eine zu große Krone auf, die ein Verwandter ihm auf dem Kopf hielt, während alles gefilmt wurde. Die Braut und ihre Freundinnen traf ich schön gekleidet im Hotellift. Sie ging zu Fuß zum Geschehen, wurde aber wieder zurückgeschickt, da die eigentliche Vermählung erst vor Mitternacht stattfand. Vor dem Zeremonienzelt waren Tische für die Gäste aufgestellt, Garküchen kochten, was immer gegessen werden sollte.

Indien ist mehrheitlich ein Hindu-Land und die z.Z. regierende Hindu-Partei setzt alles daran dies zu dokumentieren.

Eines dieser durchaus beeindruckenden Monumente ist der Akshardham, in New-Delhi, der größte Hindutempel aber nicht alt, sondern in den Jahren 2000 bis 2005 erbaut. Um hineinzukommen mussten wir alles ablegen und bekamen Tempelschuhe mit denen wir durch die Gartenanlage gingen. Nicht einmal photographieren durfe man. Die Tempelanlage war so wie Khajuraho. sehr mit Ornamenten versehen, alles groß und mächtig, angeblich wurden 5000 Steinmetze aus dem ganzen Land beauftragt, die Skulpturen in kurzer Zeit herzustellen. Hier wurde die Macht des Hindustaates verkörpert.
Im Garten sind Skulpturen der wichtigsten Inder dargestellt, Heilige, Philosophen, Helden Staatsmänner und Frauen. Auf der Frage, wo Mumtaz sei, wurde mir gesagt, sie wäre keine Inderin gewesen, nur Ausländerin.

Mehrmals musste ich feststellen, dass uns besonders Fremdenführer die hinduistische Götterwelt uns nahe bringen wollten. Ganz gezielt ging dabei unser Führer in Pushkar vor. Unter dem Vorwand uns den heiligen See, der für Nichtgläubige verboten ist zu zeigen, folgte unsere Reisegruppe ihm neugierig, zog brav die Schuhe aus, als wir zu einem weit entfernten Ghat geführt wurden. Von dort konnten wir nicht erkennen, was sich am See wirklich abspielte aber dann wurden wir mit einer Hindu-Initiierung konfrontiert.

Was nun folgt mag nicht ganz Ihr Verständnis finden, für mich war es ein Glaubenserlebnis.
Ich bin gerne zu diversen Abenteuer bereit, aber eine Hindu-Segnung einzugehen, wollte ich nicht. Ich saß in der zweiten Reihe und merkte wie ein Priester jeden Einzelnen aufforderte ein Gebet, bei dem alle wichtigen Götter angerufen wurden, nach zusprechen. Ich sah keinen Ausweg daraus, ohne die Einheimischen vor den Kopf zu stoßen. Ich rief also in meiner Not Jesus an und bat ihn mir einen Ausweg zu finden. „Jesus hilf, ich will keinen Eklat, zu mal auch meine Reisekameraden keine Verständnis dafür hätten.“ Der Priester kam näher und schließlich auch zu mir. Kaum wollte er zum Gebet ansetzen, läutete sein Telefon. Er wurde in ein heftiges Telefongespräch verwickelt, wobei er umher ging und als das Gespräch beendet war, machte er nach mir weiter! „Danke Jesus, das war smart.“ Als alle außer, ich durchgebetet waren, ging es um den Obolus. Die Ersten unsrer Gruppe protestierten gegen die vorgeschlagenen 500 Rupien, etwa 5 Dollar. Der Priester kündete sofort an, wer nicht zahle, dem würde der Segen nicht vollständig zu Gute kommen. Wieder musste ich Jesus fragen, was ich in diesem Fall tun soll, spenden oder verweigern. Ein Helfer begann von der anderen Seite abzukassieren. Als er zu mir kam, wurde er in eine Diskussion mit dem Priester involviert, und er vergaß auf mich, nahm sich das nächste Opfer vor. Wenn das kein Zeugnis ist für die Macht von Jesus Christus! „Danke, Herr.“

Das alles kam mir eher als Touristennepp vor und kein religiöses Anliegen, trotzdem erinnerte mich das an die mittelalterlichen Ablass und die Zwangstaufen.

Mich hat es erwischt, als ich gedankenlos Briefmarken abschleckte um sie aufzukleben. Meine Verdauungsorgane reagierten vehement auf diese Unvorsicht. Immodium oder Ciproflaxin, das war die Frage. Da jedes Mittel anders wirkt, entschloss ich mich kurzerhand beide zu nehmen. Immodium für Sightseeing und Cipro für die Kur, und war damit bestens bedient, hatte wenig Appetit, aber am übernächsten Tag war ich wieder ok.

Fazit einer Indienreise: Ein schönes und großes Land, mit einer interessanten Kultur. Als Tourist wird man nur oberflächlich Einblick in das Leben der Inder bekommen. Es scheint, dass viele Menschen trotz Armut nicht unglücklich sind, zumindest strahlen sie eine Freude und eine Hoffnung aus. Aber wenn mir der Rikschafahrer unbedingt für 5 Rupien um die Ecke fahren will, dann frage ich mich doch, wie groß seine Not sein muss, sich so weit herunter zu lassen um überhaupt ein paar Münzen nach Hause zu bringen. Das kann einen nicht gleichgültig lassen. Jetzt kann ich auch meine Frau verstehen, die intuitiv die Reise abgelehnt hatte. Um so ein Land zu besuchen, müsste man dort arbeiten, in den Slums, wie Mutter Theresa, aber dazu fehlt mir der Mut. Ich ließ es bei einer Spende für die Buddha Smile School bewenden.