Neuer Anlauf

(Leseprobe)

Es ist keine Behörde zuständig, da Faith nicht gemeldet ist und im Untergrund lebt. Er müsse sich melden. Das ist natürlich jetzt eine riskante Sache. Soweit ist Faith ein U-Boot, untergetaucht und offiziell nirgendwo. Deshalb ist keine Behörde zuständig, um etwas unternehmen im positiven, aber auch im negativen Sinn. Wenn etwas bewegt werden soll, muss dies anders werden. Wenn Faith sich der Behörde stellt, ist sie dann zuständig und könne das Aufenthaltsverbot aussetzen, oder aber sie kann aktiv werden und den illegalen Zustand von Faith wahrnehmen und einschreiten, sprich ihn verhaften und die Geschichte würde von vorne beginnen.

Faith ist noch nicht in der Lage, sich mit diesem Risiko auseinander zu setzen. Hier, bei uns, hat er soweit einigermaßen Vertrauen gewonnen, dass wir ihm nichts Bösen antun wollen und ihm ein sicheres Versteck anbieten. Wir setzen uns auch damit auseinander, wie weit wir uns dadurch strafbar gemacht haben. Die rechtliche Auskunft, die wir erhalten, war beruhigend. Falls uns jemand anzeigen würde, weil wir einen Illegalen verstecken, könnten wir mit einer Verwaltungsstrafe belangt werden. Dieses Risiko nehmen wir auf uns, denn wir glauben noch immer, dass es eine legale Lösung von Faith’ Problem geben muss. Außerdem verstecken wir Faith nicht. Wir nehmen ihn zu allen Veranstaltungen im Ort mit und er und sein Schicksal ist weit über unseren Bekanntenkreis hinaus bekannt. Wir sind auch vor unserem Haus gemeinsam beim Säubern des Vorgartens von der Gendarmerie gesehen worden und alle unsere Nachbarn wissen, dass Faith bei uns wohnt. Einige Nachbarn versuchen mit ihm auch zu plaudern, besonders wenn er sich im Garten beschäftigt. Soweit ist er zumindest, dass er alleine Gartenarbeit verrichtet. Dennoch, alleine aus dem Haus zu gehen, bedeutet noch immer eine große Überwindung für ihn. Und jetzt der Gedanke, dass die Behörde offiziell von seinem Wohnort unterrichtet werden soll, ist ein für ihn undenkbarer Schritt. In wiederholten Gesprächen versuchen wir ihm die Sackgasse, in der er steckte, klar zu machen. Es geht nicht an, dass er auf ewig versteckt bleibe. Erstens würde sich an seiner Lage nie etwas zum Besseren wenden, und zweitens würde er an seinen "Gefängnis" selbst zerbrechen. Faith ist grau vor Angst, und telefoniert mit allen seinen Freunden, um sich Rat zu holen, oder vielleicht woanders unterzukommen. Aber niemand scheint eine bessere Lösung anzubieten. Zögernd stimmt er mir zu, nachdem ich hundertmal versichere, vorsichtig vorzugehen. Sollte nur ein Zeichen sein, dass die Beamten sich dem Anliegen nicht positiv widmen wollen, werde ich einen Rückzug machen und ihn nicht preisgeben. Ich hatte dies auch nie vor, aber es ist notwendig, dass Faith von allen meinen Schritten informiert ist, um sein Vertrauen zu bewahren.