Das Leben ist voller Überraschungen

Das Leben ist voll Überraschungen

Als ich von einer Dienstreise zurückkam, war eine Veränderung im Familienhaushalt eingetreten. Meine Frau Susan hatte einen Schwarzen, einen Flüchtling aufgenommen.
Faith, so heißt er, war seinen Folterern aus einem nigerianischen Gefängnis entkommen und in Österreich in Schubhaft gelandet. Halbtod, nach einem Hungerstreik, fand er einstweilen Unterschlupf, für zwei Wochen.
Ein Mensch, befand sich in Not und mit einem Obdach konnte ihm geholfen werden. Das war doch das Mindeste, was wir machen können, ein bisschen Einschränken, aus Nächstenliebe, muss schon drin sein. Wir tasteten uns an den Unbekannten heran. Plötzlich erlebten wir die triste Welt der Asylbewerber. Wir erkannten, dass er durch einen Hungerstreik krank war und erfuhren noch dazu, dass wir einen Illegalen beherbergten. Machten wir uns strafbar? Wir versuchten seine Geschichte zu begreifen und merkten, dass wir über Afrika kaum etwas wussten: Wir begannen uns über Afrika zu informieren und die Geschichte des Flüchtlings zu recherchieren.

Ein Siebzehnjähriger, wurde von Mitglieder einer Geheim-Loge bedroht und diese brachte Unglück über seine Familie. Er wurde fälschlich beschuldigt und gefoltert, um die Brandlegung an seiner Mutter Haus zu zugeben. Hätte er gestanden, wäre er, im Gefängnis verschollen geblieben, hätte er nicht gestanden, wäre er zu Tode gefoltert worden. Ein Rechtsanwalt seiner Mutter schaffte ihn außer Landes. Er befand sich vollkommen unvorbereitet im kriegführenden Jugoslawien. Es wurde ihm empfohlen nach Österreich zu fliehen, sich aber älter zu machen, denn Jugendlichen würde nicht geglaubt werden, und er soll den Pass verlieren, sonst würde er abgeschoben werden. Zwei Ratschläge, die sich als wichtig erwiesen hatten, ihn aber andere Schwierigkeiten brachten.
Sein Rechtsbeistand war unzulänglich, negative Bescheide, wurden mit den gleichen Argumenten beeinsprucht, die zur Ablehnung führten. Schließlich wurden Fristen versäumt, sein Aufenthalt wurde illegal und er zur Ausreise gezwungen.
Er flog unbehelligt von Wien ab, Richtung Kanada und wurde in Deutschland geschnappt. Drei Polizisten brachten ihn in Handschellen zurück nach Österreich. Dort wurde ihm vorgeworfen, das er illegal und das erste Mal einreisen wollte und keine Gründe über den geplanten Aufenthalt angeben konnte! Er kam in Schubhaft, wurde nach einem Hungerstreik entlassen und kam zu uns.

Langsam gewannen wir etwas Vertrauen, zu jemandem, dem das Leben übel mitgespielt hat und der sich selbst schon aufgegeben hatte. Foltertraumatisierung ließen seine Erzählungen verworren erscheinen. Die Behörde hatten sie schon als unglaubwürdig abgestempelt, was sollten sie glauben? Es begann der lange Weg auf die Suche nach der Wahrheit. Wir wollten auf dieser Basis das Leben des Flüchtlings wieder ins Lot bringen. Dabei stießen wir auf so viele Hindernisse, dass wir selbst schon an unseren eigenen Prinzipien zweifelten.

Längst waren die zwei Wochen vorbei und wir erkannten, dass das Schicksal dieses Menschen nun in unseren Händen lag. Seit sechs Jahren wurde er immer mehr in behördlichen Entscheidungen verstrickt, es wurden unerfüllbare Verordnungen vorgeschrieben und die aussichtslose Situation auf ein gewährtes Asyl und die immer währenden Angst vor der Deportation, zerstörten ihn.

Wir begannen systematisch die Situation zu erfassen und suchten nach einem legalen Ausweg, ihm eine neue, sichere Heimat zu ermöglichen. Auf unserer Suche fanden wir viel Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Verständnis, aber damit war in die bereits rollende Behördenmaschinerie nicht vorzudringen. Der Behördenlauf wurde zum Hürdenlauf, auch für Staatsbürger, die nur helfen wollten. Wir erlebten, dass die Gesetzeslage wenig Spielraum für eine humanitäre Entscheidung ließ. 1000 Tage verbrachten wir unter einem Dach, lernten einander schätzen und halfen einander gegenseitig, nach diversen Tiefschlägen, uns wieder aufzubauen.

Immer neue Ideen, ihn irgendwo unterzubringen, ließen uns seltsame und naive Wege gehen, weltweit, um schließlich herauszufinden, dass es mehr Gründe gab, weshalb die scheinbar offenen Türen wieder zugingen. Wir arbeiteten uns zu einflussreichen Stellen vor, um festzustellen, dass persönliche Initiative nicht gefragt war. In diesen Momenten der Verzweiflung, half uns der christlicher Glaube, sieben konfliktreiche Jahre durchzuhalten.
Inzwischen war er schon bei vielen Leuten bekannt und der Gedanke an eine Adoption wurde überlegt. Von amtlicherseits wurde dies mit unglaublichen Mitteln zu verhindern versucht. Es ist zwar gelungen, aber die Misere geht weiter; Ausländerfeindlichkeit und Demütigung. Wenn man einen dieser Menschen persönlich kennt, und das alles miterlebt, kommen einem Zweifel an der Mitmenschlichkeit.

Wie viel muss ein schwarzer Flüchtling ertragen, der im Westen auf Freiheit hofft? Faith lebte dreizehn Jahre in Österreich von Angst beherrscht.

Es geht nicht um die Asylfrage, sondern um den Umgang mit Menschen generell und solchen mit schwarzer Hautfarbe insbesondere, anhand eines selbst erlebten Beispiels. In Anbetracht der immer restriktiver werdenden Asylpolitik, ein hochaktuelles Thema.