
Gesundheitszustand
(Leseprobe)
So traurig der Befund von Hemayat ist, wir sind froh darüber, eine ärztliche Bestätigung über Faith Zustand zu haben. Faith kann den Inhalt zwar nicht begreifen, aber weiß, dass er krank ist. Er hofft auf eine baldige Behandlung, wir hoffen, dass der Befund hilft, ihn durch den Integrationsbeirat zu bringen oder dass er genügend neue Evidenz ist, sein Asylverfahren wieder aufzurollen.
Es wird auch unsere Bereitschaft, Faith zu betreuen, hervorgehoben und auf die Gefahren für uns hingewiesen. Auch wir sollten eine Betreuung bekommen, damit wir beim direkten Umgang mit traumatisierten Personen selbst nicht zu Schaden kommen. Dies geschieht dann, wenn einem das Leid des Betreuten zu persönlich wird. Das ist auch der Fall, denn seitdem er gleichsam ein Familienmitglied ist und ununterbrochen begleitet wird, ist natürlich auch seine Situation für uns Gesprächsthema Nummer 1. Ob mit Freunden, in der Gemeinde, bei Verwandten, es dauert nie lange, bis sich die Diskussion um Faith dreht. Selbst wenn wir uns frei nehmen und schnell noch einen Abendspaziergang im Wienerwald machen wollen, verfallen wir unwillkürlich in dieses Thema. Ja, es beherrscht uns tatsächlich Tag und Nacht. Eine persönliche Betreuung für uns, wie wir mit seinem Verhalten umgehen können, wie wir die Ursachen besser verstehen können, wäre sicher eine Hilfe. Gerne wollen wir dieses Angebot annehmen.
Denn langsam begreifen wir mehr, dass Faith seltsames Verhalten nicht nur auf seine afrikanische Kultur zurückzuführen ist. Vielleicht glaubt Faith, dass sein Zurückziehen Höflichkeit und Rücksicht auf uns ist. Seine häufigen Magenverstimmungen, die wiederkehrenden Albträume und Schlafstörungen generell, auch seine körperlichen Schmerzen, die keine physischen Ursachen zu haben scheinen. Alles das, was wir nicht einordnen können, womit wir nur recht und schlecht zurechtkommen, alles das findet in diesem Befund eine medizinische Erklärung. Wir wussten, dass Faith viel mitgemacht hat, wir hatten aber wenig Ahnung, welches Ausmaß an psychischen Schäden die erlebte Vergangenheit zurückgelassen hat. Die post-traumatische Belastungsstörung lässt ihn die von Menschen mutwillig verursachte Misshandlung nur schwer verarbeiten. Nie konnte er den Leidensdruck adäquat ausdrücken, um wirklich verstanden zu werden. Uns wird bewusst, dass sein Urvertrauen in andere Menschen so schwer gestört ist, wir hätten uns noch so sehr bemühen können, er kann trotz allem uns und anderen nicht vertrauen. Das ist von uns nicht persönlich zu nehmen, seine Fähigkeit mit anderen Menschen zu kommunizieren und damit die Möglichkeit auch seiner neuen Umgebung, mit ihm in Kontakt zu treten, ist gestört. Daher wirkt er antikommunikativ, eine Verhaltensweise, mit der wir schwer umgehen können. Wir müssen mehr Verständnis und Geduld aufbringen, damit er eine notwendige Vertrauensbasis wieder aufbauen kann. Da müssen wir noch viel dazu lernen, und die angebotene Hilfe ist uns willkommen.