Galapagos


Die  verzaubernden Inseln


Ich leitete ein Workshop in Quito und hatte vor, einige Tage Urlaub zu nehmen, um die Galapagos Inseln zu besuchen. Dazu kam, dass die Firma für die ich arbeitete einen Gebäudeumzug vorhatte, an dem ich nicht mitarbeiten musste und ich somit mehr Zeit als geplant zur Verfügung hatte. Glück hatte ich auch noch, da eine amerikanische Reisegruppe, die bereits unterwegs war, noch Plätze auf dem Schiff zur Verfügung hatte. Die Einreisebestimmungen in das Naturschutzgebiet waren streng und teuer. Das Archipel besteht aus fünfzehn Inseln, von denen ich sieben besuchen konnte.

Montag, 10.Februar 1986. Quito - Santa Cruz:

Die Morgenmaschine startete fast pünktlich von Quito. Das Flugzeug war halb leer, bei der Zwischenlandung in Guyaquil traf ich Señor Laman de Soria, den ehemaligen Chief Scout von Ecuador. Er hatte inzwischen sein Amt niedergelegt, und betrieb eine Kaffeeplantage. Sein Bruder exportierte die Ware nach Europa. Dennoch berichtete er mir etwas von den Aktivitäten der ecuadorianischen Pfadfinder und schenkte mir einige Abzeichen. Ich flog nach einer halben Stunde weiter, über den pazifischen Ozean. Fast eine Stunde lang sah ich nur Wasser, dann tauchten die ersten Inseln auf, wüst, ohne Vegetation, von oben sahen sie sehr unwirtlich aus - sie sind es auch. Als wir in Baltra landeten, schlug mir eine Hitzewelle entgegen. Die Landebahn war asphaltiert, sonst war alles steinig und staubig von rotem Lavagestein. Das Flughafengebäude bestand fast nur aus einem Flugdach, um Schatten zu spenden. die restliche Anlage stammte von dem ehemaligen US Stützpunkt, der während des zweiten Weltkrieges hier errichtet wurde. Leider wurde dabei die ursprünglich dichte Leguanbevölkerung und was sonst noch an Lebewesen auf der Insel Baltra existierte, von den gelangweilten US-Soldaten systematisch abgeschossen. Marcia, eine Betreuerin vom Reisebüro erledigte alle Einreiseformalitäten, dann warteten wir eine kleine Ewigkeit auf den Autobus, der uns nach Punto Ayora bringen soll. Fast eine Stunde mussten wir am Flughafen auf den Bus warten, dann kam endlich ein altes klappriges Gefährt, das uns in einer halben Stunde zur Fähre nach der Insel Santa Cruz brachte. Doch von dieser war auch nichts zu sehen. Ich hatte vergessen, dass die Zeit in diesem Land anders lief. So saßen wir an der Mole und warteten. Endlich löste sich eine Staubwolke am anderen Ufer auf und ein buntbemalter Bus erschien. Damit wurde auch das Zeichen gegeben unsere Fähre zu besteigen, die inzwischen angelegt hatte. Eine erfrischende Briese kühlte uns am Wasser ab, bevor wir uns am anderen Ufer und in den glühenden Bus zwängten. Als alles Gepäck verstaut war, setzten wir uns in Bewegung.
Die Landschaft war kahl, steinig und wenig Vegetation war zu sehen. Etwas später erschienen Baumskelette, mit einem weißen Stamm und ohne Blätter. Das sind die sogenannten Palo Santos Bäume, "heilige Stöcke", die in der Trockenzeit wie tot aussehen. Aber zur Regenzeit treiben sie wieder aus und stehen für kurze Zeit in ihrer grünen Blätterpracht. Je höher wir mit dem Bus über die Insel fuhren, umso grüner wurde sie. Die Palo Santos Bäume hatten bereits ein zartes Grün an den Zweigen und verkündeten die Ankunft des äquatorianischen Frühlings. Als wir die Vulkankegel des Cerro Salasaca, dem höchsten Punkt der Insel erreichten, offenbarte sich ein fruchtbares Land. Das saftige Grün der Felder stand im starken Kontrast zu dem rötlich staubigen Boden der sonst unbewirtschafteten Insel. Die Bananenhaine waren hoch gewachsen und voll mit Früchten. Später erfuhr ich, dass diese Anpflanzungen das örtliche Klima und damit auch die Tierwelt sehr beeinflusst hatten. Wie überhaupt die Besiedlung sehr viel Schaden an der endemischen Flora und Fauna angerichtet hatte. Wir erreichten die ersten Siedlungen und wurden auch prompt von den Kindern mit Wasser bespritzt, das entsprach den ortsüblichen Karnevalssitten. In Puerto Ayora lag unser Schiff, die Bartolomé. Nach langem Rufen erregten wir die Aufmerksamkeit der Mannschaft und sie kamen mit dem Beiboot, um uns an Bord zu holen. Dort wurden schon die Vorbereitungen für die Landexpedition getroffen, der wir uns natürlich sofort anschlossen. Wir sollten zu den Kraterdolinen in die Nähe von Bellavista fahren. Das ist etwa ein Drittel der Strecke landeinwärts, die ich gerade in dem Bus zurückgelegt hatte. Der Bus war ebenso archaisch, wie jener der mich nach Puerto Ayora brachte, nur eine Spur kleiner. Unser Guide ist ein Engländer polnischer Abstammung. Sein Name ist Marek Lees und auf der Darwinstation in Puerto Ayora stationiert. Endlich stiegen wir aus dem Bus. Ein kleiner Pfad ins Gestrüpp führte uns zu einem mächtigen Krater, der etwas vierzig Meter tief abfiel und mit Bäumen und Sträuchern bewachsen war. Dort beobachteten wir die Vogelwelt, besonders die der vielen unterschiedlichen Finken. Auffallend war der Vermillion Fliegenfänger, ein kleiner Vogel mit hellroter Brust. Die Weibchen hingegen haben eine gelbe Brust. Wir sahen den typischen Bewuchs der Scalesiazone und eine Reihe von Pflanzen, wie Southern Buttersweet oder die Passionsblume, die besonders die Botanikerin Jane begeistert. Wir beobachteten einige Finkenarten, eine Eule im Nest, die das zweite Ei ausbrütete, während ihr erstes Junges dabei zusah. Auch fanden wir eine Darwinaster, ein Gewächs, etwa 20 cm hoch mit fast abgestorbenen Stämmen. Es sah aus wie ein hochgewachsener Moosstock. Als wir den Wald verließen, sahen wir das Elefantengras, ideale Weidegründe für die Riesenschildkröten. Eine Barneule flog mehrmals über unseren Weg. Mein Feldstecher erwies sich als besonders brauchbar und wechselte von Hand zu Hand. Auch wurden noch weitere Finken aufgestöbert. Die Sonne neigte sich und wir traten die Heimfahrt an. Noch hatten wir keine jener berühmten Schildkröten gesehen. Das ihnen zugestandene Reservat war abseits der Strasse und nur zu Fuß zu erreichen. Gespannt saß jeder von uns im Bus und presste die Nase an die Fensterscheiben, um vielleicht eine von diesen Monstren zu erspähen. Ich hatte nicht gewusst, dass die Partie, zu der ich auf Santa Cruz stieß auch noch keine Schildkröten gesehen hatte. Da fiel mir ein bräunlicher Felsbrocken in der Grasslandschaft auf, der so gar nicht zu dem schwarzen Vulkangestein dieser Insel passte. Ich machte Marek auf meine Beobachtung aufmerksam und wir hielten den Bus an, und meine Vermutung wurde bestätigt. Wie auf einer Weide tat sich eine dieser Riesenschildkröten an den saftigen Gräsern gütlich. Wir mussten über Zäune klettern, um dem Tier nahe zu kommen. Marek gab uns noch schnell die notwendigen Instruktionen, wie wir uns dem Vieh nähern sollten, um es nicht zu vergrämen. Sonst wäre unser Fund nutzlos. So schlichen wir langsam auf das Panzertier zu und photographierten zunächst mit dem Teleobjektiv, sofern vorhanden. Längst hatte uns das Tier bemerkt und es hob seinen schweren Panzer mit den kräftigen Beinen um im flotten Tempo das Weite zu suchen. So langsam war die Schildkröte wirklich nicht und wir mussten uns beeilen, sie zu überholen. Als sie ihren Fluchtweg abgeschnitten sah, zögerte sie und drehte dann in eine andere Richtung, bis auch dort von Photographen der Weg verstellt war. Nun stellte sie ihr Haus wieder auf den Boden und wartete auf unsere Reaktionen. Dabei wippte sie mit den Vorderbeinen, genauso wie es die griechischen Landschildkröten tun. Erst als wir auf etwa einem Meter heran kamen, zog sich die Schildkröte unter viel Schnauben in das Innere des Panzers zurück. Dabei musste sie Luft aus dem Inneren heraus pressen, um Platz für den Hals und die Gliedmaßen zu machen. Dies bereitete dem Tier offensichtlich große Anstrengungen. Es gelang ihr auch den gesamten Kopf einzuziehen, auch die Hinterbeine fanden im Panzer Schutz, die Vorderbeine blieben halb heraußen. Noch immer schnaubte sie und man konnte erkennen, dass diese Abwehrhaltung keine angenehme war. Nun kurz zu den Maßen. Der Panzer war etwa eineinhalb Meter lang und 90 cm breit. Hoch war der Panzer etwa 70 cm. Mit herausgestrecktem Kopf verlängerte sich das Tier um weitere 40 bis 50 cm. Der Schwanz gab keinen Beitrag zur Körperlänge, da er fast immer umgeschlagen war.

Jetzt war mit der Schildkröte nichts mehr anzufangen und Marek drängte zur Weiterfahrt. Er wollte uns noch eine Eigenheit dieser vulkanischen Inseln zeigen. Zirka einen Kilometer weiter hielt der Bus erneut an und wir stolperten über Lavagestein durch einen Scalesia - Wald, dessen Stämme moosbewachsen waren, bis wir zu einem Höhleneingang kamen. Wir kletterten die Geröllhalde 10 Meter in die Tiefe und standen vor einer Lavaröhre von etwa 6 Meter Durchmesser. Solche Lavaröhren entstehen, wenn die heiße Lava dem Vulkankegel herabfließt. Die heiße Magma kühlt an der Oberfläche ab und erhärtet, während im Innern das flüssige Gestein weiterfließt. Und wenn dann der Lavastrom aufhört, fließt die restliche Lava, durch den isolierenden Mantel heiß gehalten ab und hinterlässt eine röhrenförmige Höhle. Diese Höhlen waren von außerordentlicher Bedeutung, da in ihnen wertvolle Funde erhalten blieben, die Aufschluss auf die Entwicklung der Lebewesen dieser Inselwelt gaben. Noch immer gibt es keine ausreichenden Erklärungen, wie Leben hier entstand und sich teilweise endemisch hier erhalten konnte. Eine Theorie spricht von einer ehemaligen Landverbindung mit Mittelamerika. Die Bergkette gibt es ja noch unter dem Meer. Immerhin handelt es sich um einige tausend Kilometer. Andere Theorien behaupten, dass Leben auf Treibholz die 2000 km auf dem Humboltstrom von Peru auf die Insel gelang.

Wir fuhren zurück nach Puerto Ayora und erreichten den Hafen beim letzen Sonnenschein. Marek ging mit mir noch zur Darwinstation. Zwar ist diese schon geschlossen, aber wir konnten uns das Areal ansehen. Neben den Forschungs- und Aufenthalträumen gab es noch einen Brutpavillon. Dort wurden eingesammelte Schildkröteneier ausgebrütet und die jungen Tiere drei Jahre lang auf der Station aufgezogen. Dies sei notwendig, da besonders die jungen Tiere sonst von den eingeschleppten Ratten oder auch den wilden Schweinen gefressen werden. Aber nach dieser Zeit wären sie groß genug, um gegen ihre Feinde geschützt zu sein. Sie würden dann wieder auf ihrem Fundort freigelassen. Das ist unbedingt notwendig, weil es unterschiedliche Schildkrötenarten gibt und die Arten untereinander sich nicht vertragen. Alleine die Bedingungen unter denen die Schildkröten ihre Nahrung aufnehmen formt sie. So gibt es welche mit kurzem oder mit langen Hälsen. Schildkrötenarten und deren Aufenthaltsort werden aufgezeichnet, damit ihre Bewegungen registriert. Manchmal werden auch Bastarde gefunden, die Einzelgänger sind, und sich auch nicht weitervermehren können. Solche Tiere werden dann in die Station gebracht, um ihre Herkunft zu studieren. Inzwischen war es so dunkel geworden, dass wir kaum noch die Tiere in ihren Gehegen sehen konnten. Um Punkt sechs Uhr verschwand die Sonne und hüllte den Himmel in ein grelles Orangerot von dem sich die Opuntienbäume schwarz abhoben. Die Mondsichel leuchtete schwach nach und versank bald darnach.

Wir kamen in der Dunkelheit am Boot an, wo der Schiffskoch Heriberto bereits das Abendessen auftischte. Wir waren insgesamt 17 Leute an Bord. 4 gehören zur Mannschaft, Aldolfo, der Kapitän, Heriberto, der Koch, Roaul, der Ingenieur und Lenin, der Schiffsjunge. 2 waren unsere Führer, Marek und Marcia, die anderen Amerikaner, meistens Lehrer. Die älteste Dame war 80 und noch unheimlich rüstig. Die Gesellschaft war schon 7 Tage unterwegs und wollte ausgehen. So beschlossen wir noch einmal an Land und in die Penja von Porto Ayora zu gehen. Überall gab es kleine Gasthäuser, man konnte im Freien essen und trinken, die Luft war mild und warm. In der Spelunke, die uns empfohlen wurde, gab es nur laute Konservenmusik. Es kam keine richtige Stimmung auf. Wir tranken ein halbkühles Bier. Kapitän Adolfo kam ebenfalls nach, aber er wollte tanzen. Auch traf er einige Bekannte und so war er bald irgendwo verschwunden. Die Zikaden gaben ihren Beitrag zur Musik und nach der vierten Runde brachen wir zum Heimweg auf. Der Hafen war ein Stimmen- und Lautgewirr. Aus jeder Ecke kam Musik und Menschen unterhielten sich angeregt, es war als atmete jeder auf, der Hitze des Tages entronnen zu sein. In der Akademiebucht schaukelten die verschiedenen Boote. Ganz draußen ankerte das große Touristenboot, mit 90 Passagieren an Bord. Es ist genau jenes Luxusboot, das ich in Quito bei der Agentur abgelehnt hatte. Ich bin froh, auf unseren kleinen Boot zu sein. Marek holte uns auf das Vorschiff und unter dem Sternenhimmel zogen wir Bilanz des heutigen Tags. Morgen wollten wir nach Floreana.

 
Dienstag, 11.Februar 1986, Floreana

Um zwei Uhr Früh verließen wird die Akademiebucht und tuckerten Richtung Floreana. Meine Kajüte war klein, aber ich musste sie mit niemand teilen, obwohl sie zwei Schlafstellen hatte. Ich nahm das obere Bett, damit ich meine Nase bei der Luke hinaus stecken konnte. Es war unerträglich warm und auch der Maschinenlärm verstärkte sich in der Kajüte. Sobald der Himmel hell wurde, ging ich an Deck. Der Horizont war purpur und eine Wolkenbank begann sich an den Rändern hellrot zu färben. Knapp vor sechs kamen wir an der Insel Onslow, einen mächtigen Felsen vorbei, da brach die Sonne aus der Wolke, die über dem Horizont stand. Plötzlich wurde alles in ein zartgelbes Licht getaucht und im Dunst über dem Wasser sah man bereits die Konturen unseres Ziels, Floreana.

Sofort nach dem Frühstück setzte uns das Beiboot in der Bucht beim Kormoran Punkt ab. Die Bucht war etwa zwei km lang und mit einem olivegrünem Sand bedeckt. Der Sand stammte von einem Mineral Olivine, aus dem die Insel bestand. Am Strand lagen einige Seelöwen, die unsere Ankunft kaum zur Kenntnis nahmen. Die Sonne tauchte die Bucht in ein warmes gelbliches Licht. Ein Seelöwe ließ sich aus aller Nähe photographieren, kratzte sich an der Schwanzflosse, gähnte verschlafen und überlegte, ob er sich wieder im Sand wälzen soll oder nochmals ins Wasser gehen. Einige der anderen Seelöwen mühten sich gerade vom Wasser auf die Tufffelsen zu klettern um etwas höher gelegene schattige Vorsprünge zu erreichen. Es war erstaunlich zu beobachten, wie behände die oft zentnerschweren Tiere klettern konnten.

Marek wollte uns zur Kormoran Bucht führen. Wir stiegen einige Meter über die Sanddünen und krochen durch die Scalesiabüsche, die am Küstenrand standen in höhere Regionen. Die Vegetation bestand nun aus Croton Büschen und Palo Santos Bäumen, deren hellgrauen Äste gespenstisch in die Luft ragten. Unser Blick fiel nun auf eine große Salzwasserlagune in der zahllose rosa Punkte auf Flamingos hindeuteten. Wir stiegen den Hang hinab, wo das Ufer von weißen und schwarzen Mangrovenbüschen gesäumt war. Die stelzenartigen Wurzeln sorgen für die ausreichende Belüftung der Mangroven. Hier in dem flachen Brackwasser standen oder wateten tausende Flamingos. Mit einer rhythmischen Kopfbewegung kämmten sie das Wasser nach Plankton ab. Das Ganze wogte mit einer Gleichmäßigkeit, sodass einem beinahe eine geeignete Musik dazu einfiel. Lustig waren auch die Gehbewegungen zu beobachten, wenn sie langsam durch das seichte Wasser schritten und dabei das Knie nach hinten bogen. Das Wasser reflektierte die Körperfarbe und unser Naturwissenschaftler erklärte, dass die Flamingos nur dann ihre rosa Farbe behielten, wenn sie kontinuierlich die kleinen rosa Fischchen, die hier sichtlich das Wasser färbten, zu sich nähmen. Grenzenloses Staunen, ich konnte es gar nicht glauben.

Wir verließen wieder die Lagune und setzten unseren Weg zur Kormoran Bucht fort. Auf einem Stein nahe des Weges wärmte sich eine männliche Lavaechse in der nun ziemlich hoch stehenden Sonne. Die ganze Echse war nur etwas 18 cm lang und unscheinbar. Sie sei die kleinste Echse auf Galapagos. Ein kleiner roter Fleck unter den Ohröffnungen verriet uns das Geschlecht. So unscheinbar das Männchen war, dem Weibchen soll nicht einmal so wenig Farbe gegeben sein. An einem stacheligen Ast des Parkinsonbaumes saß eine Wanderheuschrecke. Sie war zirka 10 cm gross und grün mit rötlichen Flecken. Ein anderer Busch war das Lederblatt (Manzanillo) dessen Blätter immer die Schmalseite zur Sonne wenden, um unter der Äquatorsonne das Austrocknen zu vermeiden. Ein anderer Busch war der Bitterbusch mit kleinen trichterförmigen gelben Blüten, eine andere endemische Pflanze ist die Cat Leaf Daisy. Wir gingen die zwei km bis zur Kormoran Bucht, deren strahlend weißer Korallensand uns in der Sonne blendete. Eine ein Meter breite Spur, wie die eines Traktors verrät uns, dass hier in der Nacht eine der grünen Karettschildkröten ihre Eier im Gebüsch abgelegt hatte. Wir konnten die Spur leicht verfolgen und sahen auch den Rückweg zum Meer, den sie in einiger Entfernung, also einer großen Schleife zurückgelegt hatte. Wahrscheinlich wollte sie damit den Legeplatz von etwa 100 - 200 Eiern vor eventuellen Feinden versteckt halten. Im Wasser später sahen wir dann eine Schildkröte nach kleinen Fischen die Oberfläche absuchen. Zeitweise war nur der kleine Kopf über dem Wasser zu sehen. Dann war sie wieder so knapp unter der Wasseroberfläche, dass man den ganzen gelbgrünen Panzer sehen konnte. Später gesellten sich zwei Galapagospinguine dazu. Sie waren so klein, dass man sie kaum von den anderen Vögeln unterscheiden konnte, wären sie nicht in der für Pinguine typischen Art untergetaucht. Zum ersten Mal tauchte auch ein Fregattvogel auf, der von der Felsküste her den Strand mehrmals auf und ab flog. Neben dem Sandstrand war schwarzes Vulkangestein mit zahllosen Löchern und Rillen in denen die knallroten Krabben, die Sally Lightfoot nach Kleintier jagten. Auf dem bunten Körper saßen die schwarzen Augen auf einem blaugelben Stiel. Die Augen konnten auf diesem Stiel um neunzig Grad verdreht werden. Und so beäugten uns diese Krustentiere misstrauisch und liefen bald seitlich in eine schützende Felsspalte. Auch versteckten sie sich oft nahe der Wasseroberfläche, wo sie die Wellen umspülten. Fühlten sie sich in die Enge getrieben, hoben sie abwehrend die Vorderarme mit der großen Schere entgegen. Offensichtlich gab es auch bei den Krabben Rechts- und Linkshänder. Je nachdem war einmal die rechte oder die linke Schere größer ausgebildet. Und kam man doch einer zu nahe, dann zwickte sie ganz kräftig zu, ließ jedoch auch wieder schnell los um das Weite zu suchen. Die noch nicht erwachsenen Krabben sind rotschwarze gefärbt.

Marek rief uns zusammen, um uns einen Ameisenlöwen zu zeigen. Ich war ganz aufgeregt, da ich sofort an einen Ameisenbären mit hängender Zunge dachte. Marek deutete auf ein kleines etwa 5 mm großes Loch im Sand von dem geradlinige Strassen weggingen. Dann kam auch der Löwe zum Vorschein. Ein unscheinbarer Käfer, kaum einen Zentimeter lang, beinahe schwarz und sah aus wie ein kleiner Fisch im Trockenem. Er kam nur einige cm vor sein Loch und wurde dann durch eine Bewegung von uns erschreckt. Im Sand gab es auch noch kleine Kegel zu sehen, die von den Sandkrabben aufgeschüttet werden, wenn sie nach Fressbarem suchen. Im feinen Sand entdeckten wir dann noch Skorpionspuren, selbst sahen wir jedoch keinen. Marek meinte es wäre besser so, da diese Biester ganz gefährlich stechen können. Wir machten uns auf den Heimweg. Diesmal entdeckten wir eine andere endemische Pflanze, die Nolana. Sie hat kleine fette hellrunde glänzende Blätter, die ganz dicht um den Ast gruppiert sind. Sie sahen wie frische Weintrauben aus.

Während wir auf einer Bucht aus olivinen Sand auf das Beiboot warteten, beobachteten wir die Maskentölpel beim Fischen. Etwa 10 Meter über der Wasseroberfläche hatten sie schon ihre Beute entdeckt. Sie falteten dann ihre Flügel und ließen sich senkrecht ins Wasser fallen. Dort blieben sie einige Sekunden unter Wasser und tauchten dann irgendwo meistens mit einem Fisch im Schnabel wieder auf um etwas später wieder aufzusteigen um erneut auf Fischfang zu gehen. Wie die Kamikazeflieger stürzten sie ins Wasser, dass es nur so spritzte. In der Brandung entdeckten wir auf einem Lavafelsen roten Anemonen mit Korallen. Dann kam das Beiboot und brachte uns zur Bartolome. Nach dem Mittagsessen durften die Schnorchelfreudigen zur Teufelskrone fahren. Die Teufelskrone ist ein versunkener Vulkan von dem nur die Kraterrandspitzen aus dem Wasser ragen. Von der Ferne sah die Insel wie eine Krone aus. Dieser Krater bildete ein vom Wind und Wellen geschütztes Atoll und daher war es besonders reich an Fischen und Korallen. Wir fuhren zwischen den Kronenzacken in den ehemaligen Krater und ankerten dort. Die Schwimmflossen und Taucherbrillen wurden verteilt. Jane und Marion, Marek und Adolfo waren mit von der Partie. Der Kraterboden war eher flach und vielleicht 3 - 4 Meter tief. Im Sand entdeckten wir einen Goldrochen, der wie ein großer Vogel über den Sandboden flatterte und dabei viel Staub aufwirbelte. Als ich ihn lange genug in etwas Abstand verfolgte, buddelte er sich in Windeseile in den Sand und nur eine kleine Sandwolke, die noch über ihn schwebte verriet mir sein Versteck. Da war es nun ratsam nicht hinzutauchen, wollte ich keine Verletzung haben. Ein orangegelber Trompetenfisch fand meine Aufmerksamkeit. Der Fisch ist etwa 40 cm lang schlank wie ein Aal und hat eine lange Schnauze, die zu einem Trompetentrichter aufgerundet war. Die einzige sichtbare Flosse war am Rücken, eine kleine halbrunde, wie die Rückenflosse eines Seepferdchens, mit der er seine Bewegungen steuerte. Der Kornettfisch hatte auch einen Schnabel und bläuliche Streifen an der Seite. Außerhalb der Kraterkrone fiel das Meer steil ab. Dort leuchteten in den Sonnenstrahlen rote Korallenfächer und in den Spalten der Hirnkorallen schwammen ganze Scharen von Pagageienfischen, die durch ihren hellblauen Ring um die Augen auffielen und auch sonst stark türkis und rotbraun gefärbt waren. Auch die gelbschwänzigen Surgeonfische traten in Gruppen auf. Sie hatten zwei Stacheln wegstehend am Schwanz, die mit einem leichten Gift versehen sind. Dann verfolgten wir einige Damselfische, die auch wegen ihren gelben Schwänzen auffallen. Wir waren von der Farbenpracht der Korallenbänke und der Vielfalt der Fische so beeindruckt, dass wir nach jedem Mal Luftschnappen uns in tiefere Regionen wagten. Schnell wurde das Licht weniger und die Unterwasserlandschaft versank in ein fahles Blaugrün. Gelegentlich erreichte noch ein einzelner Sonnestrahl einen Fisch, der dann für kurze Zeit aufblinkt, dann war alles wieder ein dunkler Abgrund. Wir wollten wieder Luft holen, da sahen wir über uns die mächtigen Schatten zweier weißer Riffhaie. Wir drückten uns am Felsen entlang zur Oberfläche, um den notwendigen Sauerstoff zu bekommen, tauchten aber sofort wieder um diese Haie zu verfolgen. Diese ignorierten unsere Anwesenheit und ich erinnerte mich an die Schilderungen von Hans Haas und pirschte mich an die Fische heran. Das war gar nicht leicht, da ich, wie schnell ich auch mit meinen Flossen arbeitete, die Haie waren immer um eine Nasenlänge voraus. Sie drehten sich und schwammen ein Stück zurück und waren einmal über mir, dann wieder hinter mir. Meine „Verfolgungsjagd“ beunruhigte sie nach einiger Zeit und sie verschwanden in der Tiefe. Ich musste wieder einmal Luft holen und sah mich nach meinen Kameraden um, die ich in der Aufregung Haien zu begegnen, verloren hatte. Jetzt merkte ich erst, dass ich ganz um die Insel geschwommen bin und auf der dem offenen Meer zugewandten Seite befand. Ich kämpfte mich durch die Brandung, die auf dieser Seite des Felsens recht gewaltig war. Oft gelang es mir nur durch Tauchen die Hindernisse zu überwinden. Dann erreichte ich Jane und Marion, die hinter einer Seeschildkröte her schwammen. Im seichten Wasser erschreckte mich eine weiß gepunktete Scholle, auf die ich beinahe gestiegen war. Sie erinnerte mich sofort an den Rochen, der irgendwo in der Nähe eingegraben sein könnte. Wir gelangten wieder in den Krater und näherten uns einer Seelöwenherde, die in einer Bucht spielte. Dann kletterten wir wieder in das Boot und fuhren zu unserem Schiff. Wir waren fast zwei Stunden im Wasser und die Mittagssonne hatte meinem Rücken arg zugesetzt.

Am Schiff wurden wir schon sehnsüchtig erwartet, da am Programm des Nachmittags ein Besuch des anderen Teils der Insel stand, nämlich den, der historisch als erstes dauerhaft besiedelt wurde. Ansiedlungsversuche gab es ja öfters. Freiwillige oder auch Strafgefangene versuchten hier sesshaft zu werden. Dies gelang aber nur einer deutschen Familie, den Wittmers. Heinz Wittmer bebaute das Land und konnte davon einigermaßen leben. Seine Witwe betrieb eine Art Touristenherberge einfachster Art, Pension Wittmer genannt. Ihr Sohn Rolf hatte das Ausflugsboot "TIP TOP" für Touristen wie wir. Wir trafen ihn einmal als er mit seiner Gruppe bei unseren Schiff anlegte und die Kapitäne sich einen Drink gönnten. Die Tochter führte die Farm auf Floreana weiter. Diese bemerkenswerte Frau Margret und ihre Enkelin wollten wir in der Black-Beach Bucht besuchen. Der gemauerte Hafen deutete die Siedlung an. Außer Frau Wittmer lebten noch einige ecuadorianische Familien in eher ärmlichen Verhältnissen. Frau Wittmer wurde von Marek auf deutsch begrüßt, dabei stellte er mich auch gleich vor. Für Margret war dies offensichtlich eine gute Gelegenheit wieder einmal in der Muttersprache sprechen zu können und das tat sie auch in einem starken schwäbischen Akzent. Sie servierte uns ihren selbstgebrauten Orangenwein und dazu einige Bäckereien aus ihrer Küche, während die Enkelin den Souvenierladen betreute. Ich plauderte ein wenig mit Frau Wittmer, dann holte sie ihr Buch, das sie über die Geschehnisse dieser Inselwelt geschrieben hatte. „Postlagernd Floreana“; auch diese außergewöhnliche Poststation sollten wir kennen lernen. Zunächst besichtigten wir aber noch die Riesenschildkröten, die hinter dem Haus in einem Gehege gehalten wurden. Es waren andere Tiere, als wir gestern auf Santa Cruz gesehen hatten. Sie schoben einander und setzten einander Bisswunden zu, dabei schauten sie wie kleine Hexen aus mit ihren runzligen Gesichtern. Um jeden Bissen, einen Apfel oder ein Stück Salat rauften sie. In dem Areal, in dem sie hausten war schon längst kein Grass mehr und auch die Bäume waren durch die schabenden Panzer beschädigt.

Wir verließen die Wittmers und gingen zurück zum Boot. Die Männer der anderen Familien hatten ihre Matratzen unter Bäume in den Schatten gelegt und feierten Siesta. Die Häuser sahen erbärmlich aus und die Menschen lebten offensichtlich von der Fischerei, denn bei unserer Abfahrt waren einige Boote im Hafen verankert. Wir stiegen vorsichtig die Mole entlang und auf glitschigen Stufen zum Beiboot. Einige Kinder spielten am Strand und beobachteten uns, wie wir unsicher ins Boot stiegen. Wahrscheinlich warteten sie darauf, dass einer von uns ausrutschte und ins Wasser plumpste. Wir verließen die Siedlung, die mit der sonst so unberührten Landschaft wenig gemeinsam hatte. Aber wir sollten noch einen anderen Platz kennen lernen, der ein eigenartiges Denkmal dieser Zivilisation ist. Das Postfass, das angeblich von anlaufenden Schiffen ausgeleert wird und auch Nachricht von der fernen Welt hinterlässt. Wir ankerten vor der Küste und wandern auf einst betonierten Wegen zu einem Platz, der früher einen Lagerschuppen und später eine Fabrik für Trockenfisch von Japanern beherbergte. Wir fanden nur mehr Reste der Fundamente und in der Mitte war eine sonderbare Skulptur um ein altes Fass aufgebaut. Dieses Fass war der allgemeine Briefkasten und enthielt Grusskarten von früheren Besuchern dieser Insel. Die Amerikaner suchten Post für ihre Gegend und ich nehme zwei Briefe für Leute aus Belgien an mich. Dafür legten wir neue Postkarten und Briefe hinein von denen jedoch keine angekommen ist. Wir verließen diese Poststation und wanderten landeinwärts zu einer Lavaröhre. Dazu nahm Marek ein Seil mit. Der Eingang zur Höhle war tatsächlich nahezu senkrecht und das Seil war zum Abstieg notwendig. Ich ließ mich trotz Sonnenbrand am Rücken am Seil hinunter, damit es für die anderen leicht aussah. Wir überredeten Marcia das Gleiche zu tun. Mit einer Rettungsschlinge um die Hüfte ließen wir sie dann Schacht hinunter. Nicht alle folgten ihrem Beispiel. So waren wir nur sechs, die in die Höhle eindrangen. Diese Lavaröhre war nicht so groß, wie die auf Santa Cruz, dafür runder und die Wände waren beinahe Obsidian (Vulkanglas) glatt. Nach etwa 30 Meter in absoluter Finsternis stießen wir auf Wasser. Wir erreichten die Meeresoberfläche, aber die Röhre ging weiter abwärts. Es war keine Wellenbewegung zu erkennen, so vermuteten wir, dass die eigentliche Röhre ihren Ausgang tief im Meer hatte. Marek erzählte, dass Taucher die Lavaröhre durchgetaucht hätten, aber wie tief sie sei konnte er nicht sagen. Im Scheine unserer Taschenlampen erreichten wir wieder den Ausgang. Diesmal waren es nur Marek und ich, die das Seil nicht zum Hinaufklettern verwendeten. Wir klommen die Felswand empor und holten die anderen mit dem Seil wieder an die Oberfläche. Zurück am Strand wartete ich nicht auf das Beiboot, da mir die Sonne unerträglich auf den Rücken brannte. Ich gab meine Sachen Marion und schwamm die 200 Meter zum Boot. Als wir unser Schiff erreichten, ging die Sonne gerade unter und wir konnten uns auf das vorbereitete Abendessen stürzen. Abends saßen wir zusammen und rekapitulierten den vergangenen Tag. Ich packte meinen Genever aus und mit der ecuadorianischen Mannschaft tranken wir eine Runde. Den meisten Amerikanern jedoch war das Getränk zu stark. Marek rief uns alle wieder aufs Vorderdeck um den nächsten Tag zu besprechen.

Mittwoch, 12. Februar 1986, Hood

Wir gingen vor der Küste von Hood oder Espanola, wie der offizielle Namen der Insel lautet, in der Garner Bucht vor Anker. Nach dem Frühstück wurden wir am Strand bei dem Gedenkstein für den Galapagos National Park an Land gesetzt. Wie der Hüter dieses Parks saß ein prächtiger Galapagosfalke darauf und ließ sich von allen Seiten photographieren. Er war gut einen halben Meter groß. Am Strand lief eifrig ein Spottvogel umher um Ameisen und Krabben am Sand zu fangen.

Wir begannen einen leichten Anstieg auf die andere Seite der Insel. Die Insel bestand aus Lavagestein, das aus dem Meer gehoben wurde. Daher war das Gestein glatt und von der Nordseite her stieg die Insel flach an, zu einer etwa 20 Meter hohen Steilküste im Süden. Der Boden war aus rötlichbraunen Tuff mit spärlicher Vegetation. Je höher wir stiegen, umso niedriger wurden die Büsche. Oben weitete sich ein flaches Plateau aus und die ersten Blaufußtölpel zeigten sich. Sie hatten ihre Nester überall gebaut, auch auf dem Pfad, den wir nicht verlassen sollen. Da standen sie nun vor ihren Eiern und guckten uns mit schrägem Kopf an. Kamen wir ihnen zu nahe, dann pfauchten sie uns an, als kleiner Versuch uns von ihrem Platz zu verscheuchen. Sie selbst wichen uns nicht aus und man hätte auf die Tiere steigen können. Im Schein der Morgensonne studierten vereinzelte Männchen ihren Balztanz ein. Da tanzten sie, ihre blauen Füße vorsichtig hochhebend. Einmal links dann rechts, dann drehte sich der Vogel um die eigene Achse, dann watschelte er von neuem jedem Vorbeigehenden seine herrlich blauen Füße zeigend. Dabei sah er umher, als wollte er fragen, ob uns seine Füße auch gefielen. Als Abschluss seines Tanzes streckte er seinen Kopf hoch, dem Himmel entgegen, breitete seine Schwingen aus und stieß einen hohen heiseren Schrei aus. Danach fasste er sich wieder, sah umher um zu sehen, ob ihn ein passender Partner beobachtete und fing wieder von vorne an. Auch schient es unerheblich, ob ein Weibchen in der Nähe war oder nicht. Sollte doch eine Angebetene sich für den Tanz bzw. dem Tänzer interessieren und womöglich auch Zuneigung zeigen, beendete der Werber seinen Tanz, indem er symbolisch ein Stückchen Holz als Nestbaumaterial dem Weibchen vor die Füße legte. Dies war jedoch wirklich nur symbolisch, da die Blaufußtölpel keine Nester bauen. Sie suchen sich einen ebenen Platz, der meist am flachgetretenen Besucherpfad ist. Der Platz wurde vorher vom Männchen ausgesucht und in Besitz genommen, indem er nach der Landung zuerst mal seine Füße hoch, bis zur Brust hebt und danach sein neues Gebiet abschreitet. Dann beginnt er mit der Brautwerbung. Das Weibchen antwortet auf das männliche Geflöte mit einem kurzen Schrei. Getanzt wurde immer, manchmal konkurrierten zwei Männchen und in minutiöser Choreographie drehten sich die Vögel und hoben die Beine im Takt. Das alles ging sehr friedlich zu. Hier wurde nicht auf einander gehackt oder der Andere vielleicht weggeschubst. Egal, ob eine oder keine Dame ihrer Gunst anwesend war. Den Weibchen schien die Brautwerbung kalt lassen. Sie zeigten jedenfalls keine Reaktion, hatten auch meistens keine Zeit, da sie die Jungen versorgen mussten. Die Jungen werden blind geboren. Erst nach einer Woche können sie sehen. Nach etwa zwei Wochen sind sie Dank der guten Fischnahrung so groß wie die Elterntiere. Später werden sie sich selbst überlassen und sie müssen sich die Nahrung selbst suchen. Das Fischen ist ihnen angeboren, wie das Fliegen, es fehlt ihnen lediglich die Erfahrung. Sind sie nicht erfolgreich, versuchen sie öfters das Futter jüngeren Vögeln wegzunehmen. Aber durch die elterliche Fütterung haben sie genug Reserven über die kurze Hungerstrecke hinweg zu kommen. Die Jungen brauchen drei Jahre bis zur Geschlechtsreife und solange bleiben sie in der Nähe der Eltern. Die Tölpel scheinen immer in Paaren zu sein und die Jungen sind oft unterschiedlichen Jahrgangs. So kommt es, dass in ihrem Federflaum das Jungtier oft größer erscheint als das Muttertier. Die Augen der Jungen sind schwarz und werden erst mit der Reife gelb, auch die blauen Füße bekommen die Jungen erst nach dieser Zeit, einstweilen sind sie grau und das Federkleid ist hellbraun bis weiß, nicht braungefleckt, wie das der erwachsenen Tiere. Der Brutzyklus ist etwa acht Monate. daher sieht man zu jeder Jahreszeit brütende Vögel. Die Weibchen sitzen nicht auf den Eiern um sie zu brüten, sondern stehen darüber.

In der Nacht halten sie sie mit den dazu ausgebildeten Füßen warm, bei Tag stehen sie über den Eiern um sie vor der sengenden Hitze zu schützen. Ähnlich stehen sie oft mit gespreizten Flügeln über den Jungen, um ihnen Schatten zu spenden. In die Nähe des Nests darf kein Fremdvogel eindringen. Dann gibt es Geschrei und Drohgebärden um den Nachbarn zurück zu weisen. Oft sind die Nistplätze so knapp an einander, dass ohne böse Absicht man einander zu nahe kommt. Dann ist die Abwehrposition eine Routinebewegung, die in regelmäßigen Abständen sich wiederholt.

Eine weibliche Lavaechse lief uns über den Weg, als wir das flache Hinterland verließen und uns der Steilküste näherten. Die nun schwarzen Felsen wurden größer. Dort nisteten die Maskentölpel. Sie haben rote Füße, jedoch nicht so knallrot, wie die Rotfußtölpel auf nördlichen Inseln, die ich leider nicht besuchen konnte. Auch haben sie einen schwarzen Fleck hinter dem gelben Schnabel und einen runden um das Auge. Der Körper ist weiß gefiedert, die Schwingen sind schwarzbraun. Sie sind etwa gleich groß wie ihre blaufüßigen Nachbarn. Ihr Balztanz besteht aus einem Schnabelkreuzen, ähnlich wie das Nasenküssen der Eskimos. Das dauert nicht so lang, denn anschließend wird mit dem Nestbau begonnen. Das ist ein Einfaches aus Seetang, das auf den glatten Felsen errichtet wird. Kleine Steinchen werden dann rundherum gelegt um die Eier vor dem Davonrollen zu schützen.

Auf dem selben Felsen wärmten sich auch die Überlebenden der Urzeit, die Seeleguane. Fast regungslos lagen die bis zu eineinhalb Meter langen Echsen auf dem schwarzen Lavagestein. Die Weibchen sind selbst schwarz und streckten alle Gliedmaßen von sich, um nur so viel Körperoberfläche als möglich der Sonne entgegen zu strecken. Völlig unberührt sind sie von den Maskentölpel, die um sie herum watscheln. Nie sah ich einen Vogel auf die Echsen steigen. Man respektierte einander offensichtlich. Auf erhöhten Steinen lagen die Herren der Schöpfung. Wie Drachen, mit erhobenem Kopf und wachsamen Auge lagen sie da. Ihre rot und grüne Körperfärbung gab ihnen ein gefährliches Aussehen. Die glatten Körperschuppen und der stachelige Rückenkamm entsprach genau der Vorstellung, die wir von der Fabelwelt haben. Seeleguane haben einen seitlich abgeflachten Schwanz. Damit können sie sich im Wasser fortbewegen. Auch können sie bis zu 10 Meter tief tauchen und sie leben ausschließlich von Seetang. Ihre Kiefer sind dicht mit kleinen scharfen Zähnen besetzt. So friedlich sie auch hier in der Sonne lagen, tief unten auf einer kleinen Felsinsel konnten wir den Kampf zweier Leguane beobachten. Beide wollten den etwa drei Quadratmeter großen Felsen für sich allein beanspruchen. Dies ist während der Paarungszeit üblich, das Männchen schart dann seinen Harem um sich. Mit ruckartigen Bewegungen wird versucht den Gegner am Hals oder Schwanz oder an den Beinen zu fassen um ihn dann vom Felsen zu drängen. Auf dem Schuppenpanzer war dies offensichtlich nicht so einfach, dann immerhin ist dieser ein ausgezeichneter Schutz vor Angriffen. So umrundeten sich die Echsen solange, bis sie sich endlich ineinander verbeißen konnten. Dann wirbelten sie um das kleine Plateau, bis sie beide ins Wasser fielen. Dort ließen sie einander kurz los, dann ging der Kampf jedoch weiter um den Gegner daran zu hindern wieder auf den Felsen zu klettern. Irgendwie waren sie dann von der Balgerei erschöpft und sie ließen von einander ab, um von verschiedenen Seiten auf die Insel zu kriechen. Jetzt war Kampfpause und sie rasteten aus, die Köpfe einander zugewendet, aber in sicherer Entfernung.

Wir wanderten entlang der Steilküste weiter bis zu Puntos Suarez, einer kleinen Landzunge, auf der sich das sogenannte Blowhole befand. Dieses Naturereignis ist eine Lavaröhre, die weit ins Meer ragt und einen senkrechten Ausgang auf der Landzunge hat. Ist nun der Wellengang in der richtigen Höhe und auch im richtigen Wellenabstand, dann werden gewaltige Wassermassen durch die Röhre gepresst. Diese verjüngt sich beim Ausgang und das Wasser schießt in einer gewaltigen Fontäne hoch heraus. Wir setzten uns an den Felsenrand, in sicherer Entfernung und erwarteten das Schauspiel, das auf sich warten ließ. Ein Tropicanavogel zog seine Kreise und beschäftigte mich, ihn im Flug zu fotografieren. Marek zeigte uns das Nest dieses Vogels auf einem kleinen Vorsprung der Felsküste. Der Tropicanavogel hat einen roten Schnabel, weißbraun geflecktes Gefieder und zwei lange Schwanzfedern, an denen man ihn im Flug erkennen kann.

Eine gewaltige Welle näherte sich und als wir zum Blowhole blickten sahen wir gerade Marek darüber stehen und mit einem Riesensatz in Deckung gehen. Sekunden später schoß ein circa 20 Meter hoher Wasserstrahl aus der Öffnung. Kaum auszudenken was mit Marek passiert wäre, hätte er ihn getroffen. Nach einer Minute kam der nächste Strahl, etwas kleiner und das ganze kündigte sich jeweils mit einem mächtigen Grollen an. Das war wohl Marek Warnung gewesen. Ich kletterte nun ebenfalls auf die Landzunge, um ein Photo von unten zu schießen. Das Wasser kam jedoch nicht mehr, statt dessen lief mir ein Lavareiher vor das Objektiv. Der Reiher war nur 20 cm groß, hatte einen kurzen Hals und kräftige rotgelbe Beine, das Gefieder war graubräunlich, die Brust etwas heller. Er untersuchte die Wasserlacken nach Kleingetier.

Nun gingen wir die Küste entlang und kamen zu einer Felsenbucht in der sich eine Seelöwenkolonie aufhielt. Die Tiere lagen faul auf den Felsen, einzeln oder in Paaren. Ihr Fell war hell braun wenn sie trocken sind und beinahe schwarz, wenn nass. Eine Seelöwin demonstrierte das, weil sie auf einem sandigen Plätzchen sich von den Wellen umspülen ließ. Zwischen den vorgelagerten Steinen ernährte sich gerade ein Bulle am Seetang. Marek zeigte uns einige Käferschnecken oder Chitons. Diese primitiven Mollusken sind 8 cm lang und sehen aus wie ein Fossil einer riesigen Assel. Sie klebten in einer Felsausnehmung, die sie selbst gebohrt haben und leben von Plankton, das gelegentlich angespült wird. Bewegen tun sich diese Dinger offensichtlich nicht. Auf einem glitschigen bemoosten Stein stand eine große Sally Lightfoot Krabbe in Imponierpose. Auf wem sie einen Eindruck machen wollte konnten wir nicht feststellen. Die nächste Krabbe war weit weg. Vielleicht war es nur eine Generalprobe.

Die Albatrosse sollten auch auf diese Insel brüten, da aber keine Brutzeit war, waren sie zum Festland gezogen, wahrscheinlich nach Peru. Wir gingen zurück zur Bucht. Dabei querten wir die Salzvegetation der Insel, Sesuvium. Rötlich Moosarten bedeckten den Boden, während dornige Akazienbüsche zur Zeit ohne Blätter kaum Schatten gaben.

Den Nachmittag verbrachten wir mit den Seelöwen am Sandstrand. Der Bulle beobachtete uns argwöhnisch und ließ uns auch nicht zu nahe an die Jungen heran. Er bewachte sie vor anderen männlichen Seelöwen und konnte sich deshalb nicht um sein Futter kümmern. So soll es vorkommen, dass, wenn er dadurch so geschwächt wird, ein anderer Bulle sein Gebiet und auch den Harem übernimmt. Hier bestand aber wenig Gefahr, zumindest sahen wir nirgends einen Rivalen. Die Jungen waren im seichten Wasser und durften sich auch nicht weiter hinaus begeben. Schwammen sie zu weit vom Ufer weg, dann rief sie der Bulle zuerst und folgten sie nicht gleich, so schwamm er ihnen nach und holte sie zurück. Sein Harem von etwas 20 Weibchen lag faul am Strand. Einzeln zu zweit, nebeneinander und aufeinander, dabei verrenkten sie ihre Körper in den unmöglichsten Stellungen und pressten die Vorderflossen in die Körperfalten. Selbst als wir ihnen ganz nahe kamen, nahmen sie keine Notiz von uns. Ein perfektes Bild des Friedens. Da das Wasser so herrlich klar war, gingen wir schwimmen. Es war nicht sehr tief, vielleicht drei Meter und es gab wenig Fische in der Bucht. Während ich halb tauchend den Meeresboden absuchte, merkte ich, dass ich nicht allein war. Zwei, später drei und vier Seelöwen schwammen mit mir. Wenn ich tauchte, taten sie dasselbe. Schließlich drehten wir gemeinsam Loopings im Wasser und sie kopierten jede meiner Bewegungen, unermüdlich, wir spielten fangen, wobei ich sie nie erwischte. Zu Berührungen kam es nie. Einmal kam einer und wollte mir seine Kunststücke zeigen. Er steckte seinen Kopf unter die Vorderflosse und blieb dann kopfüber, verkehrt im Wasser stehen. Das sah äußerst komisch aus.

Zurück am Schiff sahen wir einige Goldrochen vorbei schwimmen. Nach dem Abendessen gingen Marek und Alphonso mit uns Lobster fischen. Wir fuhren mit den Boot zu einem Riff und dann glitten die beiden mit Handschuhen und Taschenlampen ausgerüstet ins Wasser. Vom Boot aus sahen wir im matten grünen Schein, wie sie den Boden absuchten. In fast regelmäßigen Abständen tauchten sie auf und warfen die Beute zu uns ins Boot.

Es waren Red Spany Lobsters und Skipperlobsters. Sie bäumten sich und schlugen mit Schwanz, so dass wir Mühe hatten sie in den Sack zu befördern. In der Dunkelheit brüllten die Seelöwen und fluoreszierendes Plankton glomm gespenstisch auf der Wasseroberfläche. Wir brachten einen ganzen Sack mit etwa 20 Lobster zurück. Am nächsten Tag sollten sie unser Mittagsmenü aufbessern.


Donnerstag, 13. Februar 1986, Santa Fe, Plaza

Wir verließen unseren Ankerplatz vor Hood in der Nacht. Längst verbrachte ich die Nächte nicht mehr in meiner Kajüte. Ich nahm meine Matratze auf das Sonnendeck und erfreute mich der frischen und milden Pazifikluft. Der Himmel war so klar und voller Sterne. Ich entdeckte im Norden dicht am Horizont den großen Wagen und sah gleichzeitig das Kreuz des Südens auf der anderen Seite des Firmaments. Auch war hier oben das Motor Geräusch kaum zu hören. Noch vor dem Frühstück erreichten wir die Insel Barrington oder Santa Fe genannt. Wir landetrn sehr zeitig in einer kleinen Bucht und stiegen dann durch ein Basaltfeld langsam die Klippen hinauf. Die Vegetation wurde genauer unter die Lupe genommen. Die Bäume waren Croton, die graugrüne Lanzettblätter, ähnlich wie Weiden haben und wenn man sie bricht machen sie braune Flecken an der Kleidung, Flecken die sich nicht herauswaschen lassen. Auch gab es leuchtend grüne Büsche, Mitenae oder Lederbusch und den gelbblütigen Cordiabusch und eine Scalesia barringtonensis mit sehr feinem Petersiel ähnlichen Blättern, die endemisch für Santa Fe ist. Der Salzbusch hat fleischige herzförmige Blätter. Wir waren auf der Suche nach endemischen Landleguanen, die sich in größeren Mengen hier befinden sollen. In den Klippen fanden wir kleine Höhlen, die möglicherweise von Schlangen bewohnt waren. Aber wir sahen keine. Oben am Plateau wuchsen Akazienbüsche und große Opuntien. Die Steine waren mit einer gelben Flechte überzogen und wir schauten uns die Augen aus eine dieser Landechsen zu erspähen. Wir verfolgten mit dem Fernglas einige Finken und endlich kreuzte eine braune Echse unseren Pfad. Vorsichtig hob sie ihre Beine um über die vielen stachligen Zweige der dornigen Büsche hinweg zu steigen. Sie war beinahe einen Meter lang und hatte keinen ausgeprägten Kamm. Eine rosa Zunge kam gelegentlich aus dem Maul als wollte sie sich die Lippen benetzen. Wir suchten in der Umgebung nach weiteren Exemplaren, doch diese Echse schien hier allein gewesen zu sein. So gingen wir wieder den steilen Weg durch die Klippen hinunter. Auch hier stachen die grauen Äste der Palo Santos Bäume wie Skelette aus der sonst grünen Landschaft hervor. Wir verließen die Insel etwas enttäuscht. Wir hatten uns mehr Tierleben erwartet, aber Marek versicherte uns noch genügend Landleguane sehen zu können. Wir holten auch bald den Anker ein und fuhren in der Mittagshitze Richtung Plaza. Wir lagen am Sonnendeck unter dem Sonnendach und dösten. Der Fahrtwind brachte etwas Erfrischung. Eine zeitlang sahen wir keine Insel. Der blaue Himmel stieß direkt ins blaue Meer. Gewaltige Cumuluswolken türmten sich auf, dort wo eine entfernte Insel die Luft besonders aufheizte. Hin und wieder kam eine leichte Brise, die auf der Wasseroberfläche kleine dunklere Flecken entstehen ließ. Kein Vogel war zu sehen, aber Seeschildkröten und Mantas kreuzten unsere Fahrt. In der Ferne mühte sich ein Segler voran zu kommen. Sonst regte sich nichts.

Auf Backbord erschien im Dunst die Küste von Santa Cruz. Und etwas später sichteten wir auch unser Ziel die Inselgruppe Plaza. Wir ankerten zwischen Nord- und Südplaza. Die Meeresstrasse ist etwa 300 Meter breit. Es war noch viel zu heiß um an Land zu gehen. So nahmen wir das Schnorchelgerät und tauchten die Felsküste von Nordplaza entlang. Den Pufferfischen hatten wir es besonders angetan. Sie kamen uns bis auf wenige cm vor die Tauchermaske und betrachteten uns neugierig mit ihren Glotzaugen. Sie ließen sich nicht verscheuchen. Sie hielten sich aber doch lieber in der Nähe des Schiffs auf, wahrscheinlich in der Hoffnung Abfälle zu erhaschen. Also ein Zeichen von Zivilisationsschäden. Große Schwärme von gelb-blauen Sergeantenfischen spielten in dem sonnigen Wasser, Lippenfische mit orangen Augen und dunkelblauen Flecken bei den Kiemen flüchteten in Felsspalten, wo sich auch die rotgrünen Petermännchen und der grüngefleckte hyroglyphische Hawkfisch zurückzog. Orange-blaue Clownfische guckten hinter den Felsen hervor und auch der Bumphead Parrotfisch, ein bunter Fisch mit einem großen Stirnwulst begleitete uns. Große Schwärme von Jungfischen hüllten uns wie in einer Wolke ein. Im nu war ich auch wieder von Seelöwen umringt, die mit mir ihr neugieriges Spiel trieben. Inzwischen ankerte die Tip-top neben der Bartolome. Ihr Kapitän Rolf Wittmer besuchte gerade Alphonso. Dann machten wir uns bereit auf South-Plaza ans Ufer zu gehen. Die Gruppe von Wittmer war gerade an Land gegangen, so warteten wir noch ein bisschen, um Abstand zu gewinnen. Am Strand lagen zahllose Seelöwenmütter mit ihren Jungen. Zeitweise säugten sie sogar zwei Junge gleichzeitig. Als wir an der gemauerten Mole anlegten, versperrten sie uns den Weg ans Land. Sie sprangen aber dann ins Wasser, wobei sie uns mit Vergnügen anspritzen. Unweit der Anlegestelle unter Opuntien und Kakten begegneten wir den ersten Landleguanen. Diese waren gelb und hatten sich an die Besucher schon gewöhnt. Denn einige kamen uns entgegen, wollten sie Futter haben? Marek erklärte uns, dass Touristen sie mit Kaktusfrüchten fütterten und die Leguane gierig auf mehr Futter wurden. Dadurch verließen sie ihr Stammgebiet um mehr und mehr zu fressen. Als sie dann in ihr Territorium zurückkehrten, war dieses von andere Leguanen bereits besetzt. Es kam zu Kämpfen untereinander und auch die Vermehrung war in Gefahr. So wurde ein scheinbar harmloser Versuch eines Besuches zur ernsten Gefahr dieser Tiere. Bei einigen konnten wir das Fehlverhalten beobachten und sie sahen richtig krank aus. Ein anderer holte sich gerade Frischgemüse aus einem Busch, den er einfach im Gezweig hoch kletterte.

Ein Kaktusfink pickte an den gelben Blüten und ein verirrter Seeleguan hatte bei seinen Landbrüdern Zuflucht gefunden und dabei ihr Gehaben angenommen.

Wir wanderten die Insel entlang bis zur Steilküste, die sich 50 Meter über dem Wasser erhebt. Wir schauten tief in eine sehr bewegte See. Im zerklüfteten Fels befanden sich zahlreiche Nester. Diesmal überwogen die Schwalbenschwanzmöwen, die uns mit dem rotgeränderten Auge von ihren Nestern beobachteten. Die älteren Jungen der Möwen erhielten gerade ihr Flugtraining und es war spannend anzusehen, wie die Jungvögel ihre Flügel ausbreiteten und flatterten, wobei sie nur von Stein zu Stein hüpften. Immer wieder kam der Elternvogel und ließ sich vor dem Jungen in die Tiefe fallen, um sich mit den Flügeln aufzufangen. Dies ging pausenlos, bis das Junge sich endlich aufraffte und den Sprung ins Leere wagte. Meist waren es nur kurze Strecken, denn auch das Landen musste geübt werden. Aber bald werden sie geübte Flieger, wie ihre Eltern sein.

Auf einem kleinen Vorsprung in der Felswand saß ein brauner Pelikan und putzte sein Gefieder. Es war erstaunlich, wie gut und sicher er mit seinen Schwimmhäuten am Felsen Halt fand. Die Pelikane sind ausgezeichnete Flieger. Er stieß sich mit einem kräftigen Sprung von der Wand und gleitete elegant auf das Meer hinaus. Ein junger Tropicanavogel saß in seinem Nest und wartete auf das Futter. Es sah gut genährt aus und fand kaum Platz mehr im Nest. Ein großer Fregattvogel mit rotem Kropfsack gleitete lautlos an uns vorbei.

Wir gingen etwas weiter, zu der sogenannten Seelöwenstiege. Das war eine Felsrinne, in der die Seelöwenbullen 30 Meter hoch klettern, um auf höchstgelegenen Plätzen, weit weg von der Herde ihren Schlafplatz einnehmen. Keuchend mühten sie sich den glatten Felsen Stufe für Stufe herauf. Manchmal verschnauften sie oder brüllten sich etwas zu. Aber dann ging es wieder weiter bis sie ganz oben angelangt waren. Ich stand auf einen glatt geschliffenen, ebenen Platz mit einer herrlichen Aussicht. Ein Seelöwe erreichte das Hochplateau und kam auf mich zu. Einen Meter vor mir machte er halt, betrachtete mich kurz, stellte fest dass der Platz heute schon besetzt war und watschelt an mir vorbei zu einem anderen Plätzchen. Dann legte er sich flach hin und probierte einige Ruhestellungen aus, bis er die bequemste am Rücken liegend fand. Zufrieden grunzte er, betrachtete die Umgebung mit einem Auge und dann schloss er auch dieses, als Zeichen, dass er von den Anstrengungen der Kletterei ausgerastet wollte.

Wir stiegen den flachen Abhang hinunter und gelangten zur Seelöwenkolonie. Dort waren die Muttertiere, die gerade die Jungen zur Ruhe brachten, da die Sonne am untergehen war. Die Mütter riefen ihre Kinder, diese quietschten irgendwo, um die richtige Mutter zu finden. Fremde Mütter pfauchten andere Jungen an. Es war ein Höllenlärm, kein Wunder, dass die Männer Reißaus nahmen und in sicherer Entfernung ihre Ruhe suchten. Wir mussten über die Tiere steigen, oder um sie herum gehen. Sie ließen sich von uns nicht stören.

Schnell versank sie Sonne hinter einem Opuntienwald und es wurde sofort zum Photographieren zu dunkel. Wir gingen zu unserem Boot zurück, in freudiger Erwartung auf die Lobstermahlzeit, aber auch etwas wehmütig, da am nächsten Tag der Abschied von dieser verzauberten Welt sein sollte.

Das Lobsteressen war hervorragend. Alphoso selbst unterwies die Zubereitung, in Gewürz gekocht, aber ganz zart, damit der feine Geschmack richtig zum Vorschein kam. Es ist ein richtiges Abschiedsessen. Dazu gab es frisches Gemüse, nur der Wein fehlte.

Zu später Stunde versammelten wir uns alle am Vordeck. Marek rekapituliert die Höhepunkte der gesamten Reise und wir machten noch eifrig Notizen um das eine oder das andere unserer Aufzeichnungen zu ergänzen. Unsere Amerikaner hatten ganze Bände vollgeschrieben, teilweise mit Skizzen versehen, aber hauptsächlich wurde ja photographiert. Die Mannschaft holte die Lautsprecher des Bordradios heraus und machte Musik. Zum Klang der Cumbrias versuchten der Kapitän und der Maschinist einen Tanz. Es wurde noch lange geplaudert.


Freitag, 14. Februar 1986, North Seymour

In der Nacht verließen wir die Plaza Inseln und bewegten uns Richtung Seymour. Im Morgengrauen sahen wir die kahle Küste von Baltra und wir schwenkten zu einer kleinen Inselgruppe nördlich von Baltra, den Seymours. Diesmal waren wir mit dem Frühstück besonders schnell fertig, als gälte es schnell noch einen ganzen Tag vor der Abfahrt hinein zu zwängen. Ich nahm alle meine noch übrigen Filme mit und eilte mit ans Land von North Seymour. Die Sonne war noch nicht sehr hoch und das Tierleben aus der Nachtstarre noch nicht aufgewacht. Auf den Felsen breiteten sich die Seeleguane aus, um die Wärme der Morgensonne aufzusaugen. Auch die Pelzrobben lagen träge am Ufergestein, doch sie hatten ihr erstes Bad bereits hinter sich. Die Brandung war hier sehr stark und die Wellen brachen sich vor der Küste, riesige Gischtfontänen verbreitend.

An der Küste fanden wir das übliche Bild. Die Blaufußtölpel tanzten bereits, die Maskentölpel stritten über ihr Territorium und die Seehundjungen brüllten nach ihrem Frühstück. Wir gingen landeinwärts, ein schmaler Pfad führte uns in eine Landschaft aus Akazienbüschen und Palo Santos Bäumen, sowie niedriger Opuntien, die endemisch für diese Insel sind. Ihre Stacheln sind ganz weich. Die Büsche standen so dicht, dass es uns nicht möglich war einzudringen. Das sollten wir auch nicht, und Marek und Marcia wachten sorgfältig darauf, dass wir nicht vom Weg abwichen. So standen wir auf Zehenspitzen oder auf kleinen Felsen um unsere Objektive in den Busch zu richten. Dort war nämlich eine riesige Fregattvogelkolonie. Die Nester waren jedoch im Dickicht versteckt und somit kaum zu sehen. Ein paar mächtige männliche Vogel waren deutlich an dem knallroten und großen Kropfsäcken zu erkennen. Zur Balzzeit blähen die Männchen ihre roten Hautsäcke auf. Ein Vorgang der ungefähr 20 Minuten dauert. Dann sitzen sie mit dem Ballon unter dem Kinn, den Kopf nach rückwärts gedrückt in den Himmel starrend. In dieser Pose versuchen sie ein Weibchen anzulocken. Wird er erwählt, dann beginnt das neue Paar unverzüglich mit dem Nestbau im Dickicht. Auch machen sie eigenartige Geräusche dazu. Wenn sie aufsteigen fällt der Sack in sich zusammen, wahrscheinlich stört er sonst beim Fliegen. Der Fregattvogel ist wenn er am Ast sitzt etwa 80 cm groß, seine Flügelbreite ist fast eineinhalb Meter und er beweist sich als schneller und geschickter Flugkünstler. Wegen seines Gewichts hat er Probleme aufzusteigen. Oft bevorzugt er die Felsen oder die Küste, wo er leichter sich in den Flug fallen lassen kann. Wenn sie in diesem Dornengestrüpp landen hatte ich immer Angst, sie würden sich den Kropfsack zerreißen, tatsächlich hatten sie Landeprobleme, da sie mit den großen Schwingen Gefahr liefen das Nest zu beschädigen. Im Dickicht gab es nicht genug große Landeplätze.

Wir wanderten durch das Gebüsch und immer wieder entdeckten wir neue Nistplätze. Manchmal saßen die Jungen, die bereits halberwachsen waren auf den trockenen Palo Santos Ästen. Dabei sahen sie aus, als ob sie gerade aus der Waschmaschine kämen. Die Federn waren noch nicht glatt, eher zerzaust und der ganze Jungvogel war alles andere als lieb oder attraktiv. Nicht viel besser sahen auch die ganz alten Vögel aus. Zwar waren sie viel größer und die Federn richtig ausgebildet, aber sie schienen von der Sonne ausgebleicht zu sein. Der Kropf war verwaschen rot und die Federn glänzten nicht und auch das kräftige schwarzbraun des ganzen Körpers war graubraun geworden. Dazu war der Kopf fahl und runzelig. Aber wenn sie so auf dem Ast alleine saßen, strahlte eine gewisse Weisheit und Lebenserfahrung aus ihnen.

Die Fregattvögel brüten alle zwei Jahre und halten die Jungen etwa 15 Monate. Die Männchen verlässt seine Familie zwischen den 6. und 9. Monat und sucht sich ein neues Weibchen. So brütet der Vogel alljährlich, aber alternativ mit jeweils anderen Weibchen. Ob er zu seiner alten Frau zurück kehrt, also ein Bigamist ist wurde nicht erläutert. Wir wanderten weiter und gerieten in offenes Gelände. Das hieß, die Akazienbüsche wurden durch Palo Santos Bäume abgelöst. Hier trugen sie schon einige Blätter, aber manchmal nicht der ganze Baum sondern nur einige Zweige. Der sandige Boden, diesmal gelb, war aus Kalkstein, welcher sich früher am Meeresboden ablagerte und dann durch Bodenverschiebungen an die Oberfläche kam. Hier brüteten und tanzten die Tölpel, als gäbe es sonst nicht zu tun. An einer Stelle an der Felsküste beobachteten wir Leguane, die ihre Brutlöcher gruben, um später dann die Eier abzulegen. Die Eier werden dann sich selbst überlassen und vom warmen Sand ausgebrütet. Auf dem Heimweg trafen wir eine Gruppe neu angekommener Touristen. Sie waren von der Zahmheit der Tiere so überwältigt, dass sie ganze Filme an einer Schwalbenschwanzmöwe verschossen. Die Gruppe war in der Früh gleich nach uns gelandet und befand sich noch immer auf dem selben Platz. Auch mir ging es am ersten Tag so, es ist nahezu unmöglich nicht noch ein drittes oder fünftes Mal das gleiche Photo zu machen. Die Natürlichkeit und Scheulosigkeit der Tiere verleitet einfach zum Abdrücken. Mir ging der Diafilm aus. Schnell wechselte ich den Film und machte mit Marek noch einmal die Runde um einige Schnappschüsse zu machen. Dann mussten wir zurück zu unserem Schiff, das uns nun endgültig nach Baltra zum Flugzeug brachte.

Wie immer saß auf dem Schiffsbug der Hauspelikan. Jedesmal, wenn wir in einer Bucht vor Anker gingen, kam ein Pelikan angeflogen und nahm Besitz von unserem Schiff. Er setzte sich ganz vorne als Galionsfigur hin und beobachtete unser Treiben besonders dann, wenn Heriberto sich in der Küche zu schaffen machte. Sollte das Warten auf Futter zu lange dauern, so ging er dann selbst auf Jagd und fischte sich einen Schnabel voll. Dabei flog er in etwa 10 Meter Höhe, wo er die Fischschwärme besser erspähen konnte und stürzte sich in Sturzflug auf sie. Gewöhnlich kam er mit reicher Beute wieder an die Wasseroberfläche. Dann setzte er sich auf unser Beiboot und begann die Fische hinunter zu würgen. Auch das Beiboot war sein Besitz. Sollten wir es benützen, dann flog er erst dann auf, wenn die Fahrt ihm zu schnell wurde. Ebenso verließ er das Schiff erst, wenn es aus der Ankerbucht wendete.

Die Stimmung war etwas gedämpft, denn für uns alle war nun eine phantastische Reise am Ende. Wir ankerten an jener Stelle, wo ich vor fünf Tagen auf die Fähre nach Santa Cruz gewartet hatte. Während wir auf den Bus warteten, schaukelte das Boot am Wasser. Wieder fand ein Pelikan unser Boot unbesetzt. Aber während wir warteten patroullierte er fliegend am Boot vorbei, fischte und setzte sich auf den Bug. Einmal kam ein zweiter Pelikan, da begab sich unser Vogel aufs Wasser und schwamm dem Anderen entgegen. Sanft drängte er ihn ab, unmissverständlich war die Bartolome sein Eigentum. Außer uns waren noch weiter Boote vor Anker, die entweder auf neue Gäste warteten oder die alten abliefern wollten. Wir machten noch ein Photo von der Mannschaft. Aldolfo zog für diese Gelegenheit seine Ausgehuniform an. Dann kam Leben in die Boote um uns und ein Autobus fuhr vor. Das Gepäck wurde zuerst ins Boot geladen und von Lenin und Raoul ans Land gebracht. Dann kamen wir dran. Allgemeines Händeschütteln ein kurzes Winken und unser Boot fuhr ab.

Wir wurden über die tote Insel Baltra zum Flugplatz gebracht. Dort sammelten sich bereits die Massen. Aber vom Flugzeug war noch nichts zu sehen. Unser Urlaub von der geregelten und zivilisierten Welt war zu Ende. Auch das lateinamerikanische Zeitgefühl nahm uns in Anspruch. Jetzt wurden Flugverspätungen und lange Wartezeiten wieder zur Last. Die Ruhe, die in den letzten Tagen so wohltuend war, schien so schnell zu verfliegen als dieses Abenteuer an Wirklichkeit verlor. Die DC9 der TAME, der Militärfluggesellschaft setzte auf dem Landestreifen auf und wirbelte eine rote Staubwolke auf. Es dauerte noch eine weitere Stunde, bis wir durch die Passkontrolle durften. Eine laute Gesellschaft ließ laute Radiomusik ertönen, der Alltag hatte uns wieder. Ich ging meinen Gedanken nach, ein alter Jugendtraum hatte sich erfüllt. Eine gewisse Traurigkeit überkommt mich.

Auch Marek wollte noch länger auf Galapagos bleiben. Europa zog ihn einstweilen nicht zurück, eher zog er ein Studium in die USA vor als Fremdennaturführer für immer zu bleiben.
Alphoso wollte fünf Tage Urlaub bei seiner Familie verbringen. Außerdem hatte er auch das Schiff in Ordnung bringen, welches nicht ihm gehörte.

Marcia brachte uns nach Quito zurück. Dort erwartete sie bereits eine neue Reisegruppe.

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