Einleitung

"We are, who we are, because of where we have been." (Faith2000)
Wir sind, wer wir sind, aufgrund unserer Herkunft und unserer Erfahrung.

Haben Sie sich schon einmal überlegt, welch glückliche Fügung es ist, in Europa, oder in einem anderen 'westlich orientierten' Kulturkreis geboren zu sein? Wie würde unsere eigene persönliche Welt aussehen, wenn wir das Licht der Welt in Afrika, oder in Afghanistan oder in Kalkutta oder in irgendeinem anderen vergessenen Ort erblickt hätten. Ohne rechtsstaatliche Ordnung, ohne Grundschule, keinen eigenen Wohnraum, keine Dusche, keine regelmäßige Arbeit, keine Auswahl an Nahrung, kein sauberes Wasser ... setzen Sie die Liste fort mit all jenen Dingen, die Ihnen so selbstverständlich erscheinen.

Würden Sie sich, falls Sie sich solche Umstände überhaupt vorstellen können, nicht wünschen, irgendwie solchem Elend zu entkommen?

Dazu kommt noch, dass gerade in jenen Ländern, in denen ähnliche Zustände die Norm für einen Großteil der Bevölkerung sind, die geistige Unterdrückung die betroffenen Menschen sprachlos macht. Sie sehen keinen anderen Weg als die Flucht. Aber sie sind schlecht informiert über die Voraussetzungen, die notwendig sind, in dem Land ihrer Träume Fuß zu fassen. Sie bleiben entwurzelt, desillusioniert und verbittert auf der Strecke, in einer Kultur, die ihnen fremd ist. Viele fühlen, dass sie nicht hierher gehören, aber etwas unwiderruflich zurückgelassen und damit ihre eigentliche Identität verloren haben. Und doch scheinen die oft widrigen Umstände hier ein besseres, freieres Leben zu ermöglichen, als jenes, dass sie hinter sich gelassen haben.

Sie fallen auf, diese Menschen, die Schwarzen, die in Kleingruppen an Straßenecken und in Unterführungen herumstehen und schwatzen, als hätten sie unendlich viel Zeit, wo uns der Tag oft zu kurz wird. Sie fallen auf, die Männer und jungen Mütter mit ihren Kindern, die auf Knien um ein paar Cents betteln. Ist das die einzige Perspektive, die sie noch haben? Sie fallen auf, wenn sie langsam die Straße kehren oder Schächte graben oder Ziegel schupfen, begleitet mit für unsere Ohren lauten Diskussionen über irgendetwas Wichtiges, was wir in ihrer Sprache nicht verstehen können. Wir empfinden sie als Störfaktor, wenn sie auf öffentlichen Plätzen und in Verkehrsmitteln sich lauter und heftiger unterhalten als es, wie wir meinen, unserer Art entspricht.

Wir gehen an ihnen vorbei, wenn sie uns ansprechen, aus Furcht, sie könnten etwas von uns verlangen. Wir vermeiden sogar den Blickkontakt aus Angst, ihre Augen könnten uns etwas mitteilen. Wir geben ihnen schweigend eine Münze in die aufgehaltenen Hände und versagen ihnen die menschliche Ansprache, ein paar Worte, derer sie so notwendig bedürfen, weil sie als Menschen nicht ignoriert werden wollen. Aber sind wir einmal in der Lage, solche Menschen kennen zu lernen, deren Geschichte und Schicksal erfahren zu dürfen, dann merken wir, dass die Sehnsucht dieser Menschen sich von unseren Wünschen wenig bis gar nicht unterscheidet.

Ich, Dieter, bin Techniker und habe in der Eigenschaft als Projektleiter in einer multinationalen Firma Gelegenheit gehabt, in vielen Ländern zu arbeiten und auch teilweise dort zu leben. Die Ideologie der Pfadfinder prägte mich in meiner Jugendzeit charakterlich. Die Liebe zur Natur und zum einfachen Leben ermöglichte es mir, mit den oft primitiven Situationen auszukommen, die ich in fremden Ländern vorgefunden habe. Mein christlicher Glaube hat mir geholfen, sozialen Umgang und gute Beziehungen zu den Menschen aufzubauen, mit denen ich gerade zusammenarbeitete. Das half wieder, ihre lokalen Ressourcen zu mobilisieren, um gemeinsame Projekte zu vollenden.

So kam es, dass wir als 'Helfer' daran arbeiteten, den Boden für einen neuen Lebensraum dieser Menschen aufzubereiten, während der Staat gar nicht entschieden hatte, ob er sie überhaupt aufnehmen wolle. Die unterschiedlichen Zielsetzungen brachten Helfer und Behörden in ein Spannungsfeld, das zu bewältigen außerordentliche Kraftquellen benötigte.

Wir haben diese in unserem Glauben gefunden. Wir haben Kraft gebraucht, besonders, wenn wir an unsere eigenen Grenzen gestoßen sind. Aber wir haben auch erkennen müssen, dass auch jenen Menschen, denen wir helfen wollten, Grenzen gesteckt waren. Wenn das in Angst Durchgemachte sie nicht mehr klar denken lässt, wenn gegenseitiges Misstrauen eine persönliche Beziehung verhindert, wenn Vorschriften keine Abweichung vom Genormten zulassen, dann gehen Menschen auch in diesem Land zugrunde, in dem so etwas eigentlich unvorstellbar sein sollte.

Wir haben gedacht, dass Menschenverachtung ein Fremdwort in diesem Land sei, und unser Rechtsstaat den vom Schicksal geschlagenen Menschen helfen und Recht zukommen lassen würde, und sind dabei in eine Situation gekommen, in der wir persönlich ohnmächtig einem staatlichen Machtapparat gegenübergestanden sind.